Regie und Theater
Budenzauber mit Schaumstoff Thomas Pynchons Roman Die Versteigerung von No. 49 als Theater-Comic auf der Lofft-Bühne
Leipziger Volkszeitung 29. Mai 2010
Wenn mal wieder wer den Zauberberg aufs Theater bringt, muss man über die Vorlage kein Wort verlieren. Aber wer bitte ist Thomas Pynchon? Ältere Semester schütteln über solche Leerstellen natürlich den Kopf. Als Diplomarbeiten noch auf mechanischen Schreibmaschinen getippt wurden, war Pynchon ein Gott. Ein paar Damen und Herren aus diesen Jahrgängen mischten sich dann auch unters Publikum im Lofft, wo Die Versteigerung von No. 49 am Donnerstag Premiere hatte: Noch einmal dem morbiden Reiz einer alten Liebe frönen und schauen wie sie sich gehalten hat.
In Pynchons Buch, das Original erschien 1966, versinkt eine junge einsame Heldin in einem Netz aus Instabilitäten. Oedipa Maas, so der anspielungsreiche Name, soll das Testament eines schwerreichen ehemaligen Geliebten vollstrecken. Sie begibt sich unter der Sonne Kaliforniens auf die Suche nach einem Code, der ihr helfen soll, das Leben dieses Oligarchen zu verstehen.
Was sie bekommt, sind Handreichungen, die sie unumkehrbar in einen Menschenpark von Außenseitern verstricken, die möglicherweise nur eines gemeinsam haben: Sie nutzen ein anarchistisch-zeitloses Postsystem, aber auf keinen Fall die US-Mail. Es ist ihre Form des individuellen Protestes gegen eine uniformierte Gesellschaft. Ganz abgesehen von hochaktuellen Bezügen des Stoffs - Stichwort Darknet - der Clou und die kräftige Wahrheit in Pynchons Buch: Die Verschwörung, nach der es riecht und nach deren Entschlüsselung alle gieren - die Romanfigur Oedipa genauso wie der Leser - ist ein Lebenselixier der Menschheit: die Behauptung einer gegliederten, verständlichen Welt, gerade auf ihrer Schattenseite.
Diesem Urwunsch ist über die Jahre auch die Literatur entgegengekommen. Pynchons relativierende Erben, Umberto Eco mit seinem Foucaultschen Pendel oder Dan Browns Super-Symbologen-Reihe nehmen die dunklen Seiten des Irgendwie an die Hand und tüten sie ein in ein braves System von Ursache und Wirkung. Das unterhält die Leserschaft. Doch Pynchon verweigert die Ordnung der Dinge und damit auch die Unterhaltung des Publikums.
Klaus Gehre, der für Konzept und Regie des Theaterabends zeichnet, will sich Humorlosigkeit auf keinen Fall nachsagen lassen. Er versetzt seine Hauptdarstellerin Anna Mönnich in ein gelbes Schaumstoffsetting, in dem sie mit ihrem Spielpartner (Richard Wagner) nach dem Stein der Weisen sucht. Die im Detail liebevolle Ausstattung (Thomas Weinhold) sorgt gemeinsam mit Videobühnenbild (Franziska Junge) für den Budenzauber des Comics, den das Programmheft verspricht. Oedipas Zigaretten sind Puppenstuben-Glimmstengel im XXL-Format, das Feuerzeug gibt zwar keine Wärme, aber tönt dafür wie ein Flammenwerfer: Michael Lohmann möbliert das akustische Bühnengeschehen als virtuoser Tanzmeister mit Signalgeräuschen, Soundbetten und Kommentaren - eine Puzzlearbeit aus unzähligen Bausteinen, die schon zur Premiere auf erstaunlich passgenaues Timing gestimmt ist.
Es wird viel gegeben: Fliegende Haarsprayflaschen, tranquillierte Ford-Impala-Lenkräder; der quellenfeste Pynchon-Freund wird einiges wiedererkennen und seinem Gedächtnis gratulieren. Und die anderen, die armen Nachgeborenen? Die sollten auf jeden Fall vor der Vorstellung zu einer Droge greifen. Denn wirklich verständlich ist das, was sich knapp zwei Stunden auf der Bühne abspielt, für Pynchon-Abstinenzler natürlich nicht. Mag sein, dass sich das Team hier falsche Hoffnungen gemacht hat. Zwar mit kräftiger Comic-Pose, im Grunde aber doch buchstabentreu: So gehen Gehre und Genossen durch die Vorlage und landen zum guten Schluss in einem Niemandsland zwischen freier Assoziation und Storytelling. Hinter einer der beiden Grenzen wäre das Erlebnis für den Zuschauer womöglich farbiger gewesen.
Stefan Kanis
Vom alltäglichen Wirtschafts-Wahnsinn Die Live-Comic-Performance No. 49 im Leipziger Lofft
Leipziger Internet Zeitung 29. Mai 2010
Amerika 1964: Die Hausfrau Oedipa Maas wird unverhofft zur Testamentsvollstreckerin ihres einstigen Geliebten Pierce Inverarity ernannt. In dieser Funktion gerät sie einer mysteriösen Geheimorganisation namens Tristero auf die Spur. Der betreibt jenseits staatlicher Postmonopole seit 500 Jahren das alternative Kommunikationsnetz W.A.S.T.E.. Auf einem Streifzug durch San Francisco entdeckt Oedipa Briefkästen und Annoncen, auf denen ein gedämpftes Posthorn prangt – das mutmaßliche Symbol des W.A.S.T.E. Doch je tiefer die Hausfrau in einem tiefsinnigen Dickicht aus Intrigen und Verstrickungen bis in den Vatikan recherchiert, desto mehr verfällt sie dem Wahnsinn. Hat vielleicht ihr Ex-Liebhaber genau dies beabsichtigt und absichtlich falsche Fährten gelegt?
Der Leipziger Theatermacher Klaus Gehre hat sich des schwer spielbaren Stoffs von Schriftsteller Thomas Pynchon angenommen. Der Amerikaner gilt gemeinhin als schwer zugänglich, Die Versteigerung von No. 49 für den Regisseur lange Zeit gar als unspielbar. Dementsprechend ist Gehres Bühnenadaption, die gestern im Lofft ihre Premiere feiert, ein gewagtes Experiment. Der Leipziger setzt ganz auf das von ihm entwickelte artifizielle Mittel der Live-Comic-Performance.
Wie ein Grafiker packt er die Romanhandlung in viele kleine Comic-Bildchen, die er von seinen Akteuren auf einem 4x4 Meter großen Schaumstoffpodest nachspielen lässt (Ausstattung: Thomas Weinhold). Große Schaumstoffklötze dienen den Schauspielern mal als Sitzgelegenheit, mal als Motorboot und mal als Auto. Im Hintergrund werden auf der Bühnenrückwand die Handlungsorte mittels Zeichnungen und Animationen markiert (Projektion/Zeichnung: Franziska Junge). So gelingen ihm mit minimalistischen theatralen Mitteln schnelle Ortswechsel auf allerengstem Raum. Gehre setzt dabei auf kontrastreiche bildhafte Animationen sowie auf die Leistung dreier Akteure. Anna Mönnich spielt eine stark als Dummerchen karikierte Oedipa Maas im 60er-Jahre-Look. Langer cremefarbener Mantel, rote Stöckelschuhe, Feinstrumpfhose als Hosen-Ersatz, Sonnenbrille und gelb-blonde Papierhaarperücke bestimmen ihr klischeehaftes Erscheinungsbild. Ihr Bühnenpartner Richard Wagner mimt im grauen Ganzkörperzottelkostüm – optisch eine Mischung aus Yeti und Bergmonster – alle Charaktere, denen Oedipa im Laufe ihrer Odyssee begegnet. Michael Lohmann sorgt von einem Podest jenseits der Bühne im DJ-Look mit Laptop, Synthesizer und Stimme als Radiomoderator für sämtliche Soundeffekte.
Weiterhin bedient sich Gehre eines reichen Requisitenfundus, der vom Motorradhelm über überdimensionale Theaterzigaretten und einem Riesenpenis hin zu einem als Gitarre eingesetztem Tennisschläger reicht. Der Fußboden neben dem Schaumstoffpodest sieht während des gesamten Stücks in seinem organisierten Chaos aus wie bei Hempels unterm Sofa. Immer wieder verlassen die Akteure ihr Podest, um mit neuen Utensilien zurückzukehren.
Alles in allem lässt sich Gehres Versuch, Pynchons schwierigen Text auf die Bühne zu transportieren, als gelungen bezeichnen. Allerdings wirkt der rund zweistündige Abend streckenweise zu statisch. Eine halbe Stunde und die ein oder andere Szene weniger würden der Inszenierung angesichts ihres verdichteten Textes keinen Schaden zufügen. Was fehlt, ist eine klar formulierte Message, wenn man denn eine solche sucht.
Die abschließende Erkenntnis Oedipas, durch ihre Reise das Amerika des Untergrunds kennen gelernt zu haben, erscheint angesichts von Problemen mit international versponnenen Netzwerken in Zeiten der Weltwirtschaftskrise als zu leichtfertig dahergesagt. Eine mögliche tagesaktuelle, globale Dimension des Pynchon-Stoffs klammert Gehre schlichtweg aus.
Schade, bei allem Unterhaltungswert.
Patrick Limbach
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