Kritik Volksfeind

Kritiken: Ein Volksfeind

In dieser Inszenierung gibt es auch diverse Grautöne      Theater der Altmark Stendal zeigt Ibsens Ein Volksfeind
Stendaler Volksstimme   5. Oktober 2010

Wie schnell kann jemand vom Volksfreund zum Volksfeind werden? Henrik Ibsens Stück zeigt in der höchst unterhaltsamen Inszenierung am Theater der Altmark, dass das unter Umständen sehr schnell gehen kann.
Eben wurde Badearzt Thomas Stockmann für seine Entdeckung von gefährlichen Bakterien im Wasser des aufstrebenden Badeortes noch gefeiert, im nächsten Moment wird er dafür verdammt. Der Umschwung in der Meinung der Öffentlichkeit kommt zeitgleich mit der Aufrechnung der Kosten. Der anfängliche Held der Stunde steht am Ende allein in den Trümmern seiner bürgerlichen Existenz. Er und seine Tochter verlieren ihre Arbeit, der Vermieter kündigt ihm, die Mitbürger schmeißen seine Fensterscheiben ein.
Ibsens Ein Volksfeind von 1882 ist einmal mehr ein Angriff auf die bürgerliche Gesellschaft, in der Profit vor Wahrheit und somit Unrecht vor Recht geht. Im Kern ein immer noch aktuelles Thema. Doch es ist alles schon viel zu oft gehört worden: Ein einzelner Gutmensch im Kampf gegen die skrupellose Politik und die böse, manipulierende Presse.
Die Stendaler Inszenierung unter der Regie von Klaus Gehre (Dramaturgie Sascha Löschner) geht ein Stückchen weiter. Und das bekommt dem fast 130 Jahre alten Werk. Hier gibt es nicht nur Schwarz und Weiß, sondern auch diverse Grautöne.
Dr. Stockmann ist nicht immer nur Held der Geschichte, hat nicht immer die ungeteilte Sympathie der Zuschauer auf seiner Seite. Zu selbstverliebt lässt er sich und seine Entdeckung zu Beginn feiern. Und wenn er am Ende gar behauptet, dass nur die Minorität einer Gesellschaft im Recht ist, regt sich der Widerspruchswillen.
Bei allem Verständnis für seine Situation. Dr. Stockmann isoliert sich – im Glauben, dass nur derjenige, der allein steht, Stärke besitzt. Damit beraubt er sich jedoch der Handlungsfähigkeit und gibt auf, wo er zum Wohle der Allgemeinheit weitermachen sollte.
Regisseur Gehre hat der gesamten Aufführung den Staub der Jahre genommen. Witzige Regie-Einfälle lockern die Handlung auf: Es gibt Elemente des Stummfilms, der Oper und des Slapsticks, um nur einige zu nennen.
André Vetters als Dr. Stockmann scheint die Rolle auf den Leib geschneidert zu sein. Mathias Kusche als Peter Stockmann (Bruder, Stadtrat und Hauptwidersacher) ist der perfekte Gegenspieler. Wo der erste locker, unbekümmert und kraftvoll wirkt, ist der andere steif, bieder und farblos.
Im Lauf der Handlung ändert sich dieses Bild. Peter gewinnt an Stärke und Kontur, während sein Bruder den Boden unter den Füßen verliert. Alexa Wilzek, Susanne Kreckel, Bernd Marquardt, Jan Kittmann, Michel Haebler und Eckart Schönbeck sind die übrigen Akteure, die zu dieser gelungenen Inszenierung beitragen. Christopher Melchings Bühnenausstattung ist genial einfach und ermöglicht eine schnelle Veränderung des Raumes für die verschiedenen Szenen.
Hingehen und anschauen! Unterhaltsamer wird man ein Ibsen-Stück kaum präsentiert bekommen.
Birgit Tyllack


Brillant: Ibsens Volksfeind      Das Ensemble vom Theater der Altmarkt Stendal katapultiert Ibsens großes Drama ins Hier und Heute
Tageblatt, Buxtehude   5. November 2010

Kann man einen Henrik Ibsen aus dem 19. Jahrhundert ins 21. katapultieren? Man kann. Denn an den Verhältnissen, die den großen norwegischen Dramatiker seinerzeit dazu antrieben, gegen die falsche Moral einer korrupten Gesellschaft zu Felde zu ziehen, hat sich bis heute nichts Wesentliches geändert. Ibsens Ein Volksfeind bleibt wohl auf immer aktuell.
Den Beweis, wie ein Stoff von Ibsen im Hier und Heute auf der Bühne bestehen kann, tüchtig entstaubt und aufgepeppt zwar, dennoch nahe am Original bis auf den Schluss, tritt am Mittwochabend auf der ausverkauften Halepaghen-Bühne ein erstklassiges Ensemble vom Theater der Altmark Stendal an. Es ist eine Freude, ins Spiel der acht im multifunktionalen Bühnenbild von Christopher Melching agierenden Mimen einzutauchen, die das Gesellschaftsdrama unprätentiös und mit Verve in Szene setzen. Regie führt Klaus Gehre, der einen Volltreffer gelandet hat. Die tempostarke und fantasievolle Inszenierung, die voller Überraschungen ist, lebt nicht nur von der Gesamtleistung des kongenialen Ensembles, sondern auch von Popmusik- und Tanzeinlagen, vom Sprechgesang und vom Multi-Medien-Einsatz – auf Augenhöhe mit dem Publikum, das zu einem Teil des turbulenten Geschehens und seiner eindringlichen Botschaft wird.
Thomas Stockmann (ein fantastischer André Vetters) ist Arzt und Familienvater in einer norwegischen Kleinstadt. Als sich herausstellt, dass das Wasser in seinem Kurbad, mit dem er der Stadt zum Wohlstand verholfen hat, durch Einträge aus der Gerberei seines Schwiegervaters verseucht und ein Gesundheitsrisiko ist, will Stockmann das Haus fürs Erste schließen. Anfangs wird der verantwortungsbewusste Doktor dafür gefeiert, hat die Einwohner und die Presse hinter sich. Als die Reparaturkosten ins Spiel kommen, die die Steuerzahler berappen müssen, wendet sich das Blatt. Aus dem Volksfreund wird ein Volksfeind. Stockmanns größter Widersacher ist sein Bruder Peter, der im Stadtrat sitzt (ein hinreißender Mathias Kusche spielt den Fiesling im Rollstuhl). Er will die Angelegenheit vom Tisch haben und hat die Mehrheit hinter sich.
Die Situation eskaliert. Bei einem Fernsehauftritt will Stockmann Tacheles reden. Das läuft aus dem Ruder. Denn mit seiner Schelte auf suggerierte Wirklichkeiten und seinem Rütteln an Grundfesten bringt er alle gegen sich auf – nicht nur die Medien. Für Stockmann und seine Familie, auf die er keinerlei Rücksicht nimmt, hat das Konsequenzen. Mehr und mehr entfernt sich der Arzt von der Realität. Um das Kurbad geht es schon lange nicht mehr. Der Doktor ist wie besessen und will nur noch eins: seine Auffassung von Recht um jeden Preis durchsetzen. Stockmann erkennt nicht, dass er sich damit auf die Stufe genau derer begibt, die er bekämpft. Sein anfänglich aufrichtiges Ringen um Wahrheit verkommt zum Selbstzweck.
Wie diene ich der Gesellschaft wirklich? Welches Handeln ist moralisch verantwortungsvoll? In seiner Inszenierung verzichtet Klaus Gehre auf eine Parteinahme für Stockmann, die dem Stück von Henrik Ibsen innewohnt und den Arzt auf den Schild eines unkorrumpierbaren Patrioten hebt. Stattdessen konzentriert sich der Regisseur auf die komplexeren Aspekte der Figur. Dabei lässt Gehre die Theaterbesucher die Entrüstung des Mannes durchaus nachempfinden, warnt sie jedoch vor dessen elitärer Gesinnung als Ausflucht.
Lang anhaltenden Applaus und Bravorufe gab es nach knapp zweieinhalb Stunden von den Besuchern und Besucherinnen im Saal – unter ihnen viele entflammte Schüler, die das Stück "super" fanden. Für sie steht das große Thema "Verantwortung in der Gesellschaft" auf dem Abiturplan.
hag


Heiterkeit statt Langeweile      Rundschau präsentiert Jugendtheater-Reihe – Ein Volksfeind begeistert Schüler
Gifhorner Rundschau   30. Oktober 2010

Erst Daumen eher schräg nach unten – nach der Aufführung Daumen ganz nach oben! Das Theater der Altmark Stendal begeisterte die Schüler mit seinem Gastspiel Ein Volksfeind.
Langatmig, vielleicht sogar langweilig – so die Meinung des Deutschkurses im 13. Jahrgang am Humboldt-Gymnasium zu Ibsens Umweltdrama beim Vorabbesuch (wir berichteten). Das sollte sich am Donnerstagabend gründlich ändern.
Hatte ein zum Stückauftakt über die Bühne tappender Raumfahrer noch für leichte Irritationen im Parkett gesorgt, drehten die zahlreichen Verfremdungseffekte der Inszenierung von Klaus Gehre die Stimmung rasch um. Kaum tappsten rundliche Killerbakterien über die Bühne, die André Vetters als "Volksfeind" Thomas Stockmann mit Riesenlupe verfolgte, war ein erster Heiterkeitshöhepunkt erreicht. Dank Playback-, Opern- und Stummfilmeinlagen ging das munter weiter – bis zum Moonwalk von Jan Kittmann im Michael-Jackson-Kostüm. Erste Rufe nach Zugaben wurden laut.
"Da ist aus der trockenen Lektüre das Beste gemacht. Ich hatte wirklich gedacht, dass ich mich vielleicht langweile. Aber es ist richtig ansprechend für junge Leute. Man kann gut zuhören", lobte Franziska die Inszenierung. Fee-Maresa war begeistert, "dass man auch mal lachen kann, das lockert das Ganze auf. Auch die Kostüme aus den verschiedenen Epochen finde ich gut."
Als dramaturgisch gelungen beurteilt René, dass Mathias Kusche als Stockmanns Gegenspieler im Rollstuhl gezeigt wurde: "Stark, wie rüberkommt, dass er trotzdem das Sagen und die Autorität hat. Das sind die Positionen fast umgekehrt. Auch die Vermischung der Genres ist gelungen. Das klobige Thema ist super bewältigt." Lehrerin Astrid Breyel sah es differenzierter: "Eigentlich wird es zu einfach gemacht, mitdenken muss man als Zuschauer nicht mehr. Und die V-Effekte – na ja."
Anja Alisch


Vom beliebten Mitbürger zum Feind der Gesellschaft      Henrik Ibsens Schauspiel Ein Volksfeind mit dem Theater der Altmark hinterließ in der Stadthalle am Donnerstagabend Eindruck.
Aller Zeitung, Gifhorn   30. Oktober 2010

Die Inszenierung von Klaus Gehre zeigt sich modern und unterhaltsam und legt damit eine besondere Betonung auf die Vielschichtigkeit gesellschaftlicher Wirklichkeit.
Wer die Wahrheit erkannt hat, wie Dr. Stockmann, der aufgrund verseuchten Wassers eine Schließung des Kurbades fordert, sieht sich aufgrund zahlreicher Interessengruppen schnell an den Rand gedrängt. Im Wechsel zwischen modern gestalteten Szenen, die die Lügen und Halbwahrheiten aufzeigen, klassisch pantomimischen Elementen, reiner Unterhaltungskunst für das Volk und sogar Anlehnung an den kommentierenden Chor der griechischen Antike wird aufgezeigt, dass Wahrheit keine Konstante, sondern ein mediales Gebilde ist. Manipulation, Erpressung, Lobbyismus sind die Rädelsführer einer scheinbar demokratisch basierten Diskussion, in der Stockmann fragt, ob der "kleine Mann auf der Straße" wirklich die Kompetenz habe, mitzureden. Das Volk will möglichst komplikationsfrei unterhalten werden – was anhand von Pop-Einlagen und der allgegenwärtigen Werbung bewiesen wird.
Das Bühnenbild von Christopher Melching kommt mit wenigen Stellwänden, einem Gerüst und Requisiten aus. Regisseur Gehre versteht es geschickt, die Aussage Ibsens, nur derjenige, der für sich allein stehe, sei wirklich frei, in Frage zu stellen und die demokratische Verpflichtung nach immer neuem Denken zu betonen.
sdo


Ibsen-Stück als Aufruf, Demokratie zu bewerten      Volksfeind-Inszenierung von Klaus Gehre präsentiert sich zweigeteilt
Altmark-Zeitung, Stendal   5. Oktober 2010

Henrik Ibsens Dramatik ist nicht leicht auszuloten: Sie enthält viel gesellschaftskritische Elemente und gleichzeitig "Gerichtstag über das eigene Ich".
Der Hauptheld im Volksfeind – das Ibsen-Drama wurde 1883 uraufgeführt – enthält beide Komponenten in beziehungsreicher Einheit. Kur-Arzt Dr. Thomas Stockmann kommt zur Erkenntnis, dass das Wasser für die Heilanstalt, die dem Ort zu Geltung verhalf und nicht nur das, verseucht ist. Mutig, zunächst von Freunden unterstützt, will er der Öffentlichkeit und Missbrauch in Gestalt seines Bruders, Stadtrat Peter Stockmann, und anderer "Wohlhabender", die um ihre Pfründe bangen, unter anderem auch Schwiegervater Gerbereibesitzer Morten Kiil. Die "Fronten" wenden sich gegen ihn, als er versucht, Ursachen auf den Grund zu kommen. Desillusioniert bleibt er allein gelassen zurück.
Das Ibsen-Drama hat über Jahrhunderte nichts an Aktualität verloren. Die Stendaler Inszenierung möchte in der Regie von Klaus Gehre vor allem jugendlichen Publikum die komplexe Welt nahe bringen. "Damit die Gesellschafter von morgen am Ende nicht trotzig allein stehen müssen!"
Ausstattungsleiter Christopher Melching hat einen der "Leuchttürme" des TdA-Architekten Werner Ruhnau vom Vorplatz stilisiert in die Bühnenmitte gestellt. Um ihn herum spielt die Handlung vor Kulissenwand mit Durchgang.
Ein zweigeteilter Volksfeind! Vor der Pause bleibt wegen irisierender Einblend-Effekte von "Mondlandung" über "Stummfilmszene", "Revueduett à la Musical" und "Opernparodie" aus der auch hier schon dramatischen Handlung eigentlich nur die große Auseinandersetzung zwischen André Vetters als Dr. Stockmann und Bruder Peter (Mathias Kusche) in bleibender Erinnerung. Hier standen oder saßen sich – im Rollstuhl Bruder Peter Stockmann – gleichrangige Gegenspieler gegenüber. Wozu also noch die – zugegeben ebenfalls professionell gespielten – Spielereien als Zugaben?
Endgültig "zur Sache" kommt die Inszenierung im packenden Gesellschaftsbild "Live-Sendung aus dem Freien Kanal" nach der Pause. Hier wird der Zuschauer direkt durch Vetters’ und Kontrahenten Kusche sowie Redakteur Hovstadt (Jan Kittmann) zur Position gezwungen. Hier stimmt der Anachronismus um Heute mit manipulierter Wahrheit aus Bild und Bild-Zeitung. Der "Volksfeind" greift hier Grundlagen der bürgerlichen Gesellschaft an und wird hinausgejagt. Nur Tochter (Susanne Kreckel) und Gattin (Alexa Wilzek) halten noch zu ihm. Als auch der Schwiegervater (Bernd Marquardt) gegen ihn und Interessen seiner Tochter auftritt, um Reputation und Gewinn zu retten, bleibt er mit seiner Weltverbesserungsidee allein auf dem "Leuchtturm" zurück.
Hier wurde die Inszenierung noch zu einem packenden Aufruf, sich mit Widersprüchen auch unserer Gesellschaft und Demokratie auseinander zu setzen – und das auch ganz ohne sinnentleerte Spielereien wie in Teil eins.
Beifall belohnte die Darsteller zur Premiere reichlich.
H. Hammer


Aus dem Jäger wird der Gejagte      Theater der Altmark spielte Ein Volksfeind. Überraschende Musik- und Tanzeinlagen
Walsroder Zeitung   9. Oktober 2010

Wie schnell an der Wahrheit "gedreht" werden kann, wie schnell aus dem Häger der Gejagte wird, zeigt das Schauspiel Ein Volksfeind von Henrik Ibsen. Das Theater der Altmark (TdA) spielte das Stück am vergangenen Donnerstag in der Stadthalle Walsrode. Obwohl die Uraufführung mehr als 100 Jahre zurückliegt, wirkte die Thematik noch erschreckend aktuell.
Viele Schüler der gymnasialen Oberstufe sahen sich das Schauspiel an. Ibsens Ein Volksfeind steht im Lehrplan für das Abitur. Das TdA hatte die fünf Akte auch eher für ein jüngeres Publikum zugeschnitten.
In dem Schauspiel stellt der Badearzt Thomas Stockmann (André Vetters) fest, dass das von ihm als "herrlich sprudelnde Welt" angepriesene Kurbad mit Keimen verseucht ist. Das Licht wurde verdunkelt, Vetters nahm eine riesige Lupe zur Hand und überall tauchten genauso große Keime (Menschen in großen Bettlaken) auf. Er wendet sich an den Redakteur Hovstadt, gespielt von Jan Kittmann, und den Buchdrucker Aslaksen (Michel Haebler), um den Skandal schnellst möglich in den "Volksnachrichten" publik zu machen.
Dabei erhebt sich der Doktor moralisch über alle anderen, was bildlich dargestellt wird, indem er auf ein Baugerüst klettert und von oben herab zu allen spricht. Zwar gelingt es dem TdT, den Zuschauer ganz bewusst nicht Partei für den Badearzt ergreifen zu lassen, der in vielen Aufführungen oft als der "wahre Patriot" dargestellt wird. Trotzdem kommt die Figur durch ihre übertriebene Erscheinung als Rebell mit Lederjacke, Jeans und Cowboy-Stiefeln zunächst nicht ganz überzeugend herüber.
Stockmann hat eines nicht bedacht: Dem Stadtrat, seinem Bruder Peter Stockmann (Mathias Kusche), gefällt die neueste Erkenntnis absolut nicht. Der Stadtrat braucht auch nicht lange, um die Presse zu überzeugen, den Doktor als Lügner hinzustellen. Der Arzt will daraufhin in der Fernsehsendung Offener Kanal selbst die Bürger aufklären.
Nach der Spielpause fand sich das Publikum als Zuschauer dieser Sendung wieder. Der Redakteur und der Stadtrat hatten sich zwischen die Zuschauer gesetzt und manipulierten den Auftritt Stockmanns. Das Publikum konnte die Sendung auf einer Holzwand "live verfolgen". Der Doktor versuchte die scheinbare Wahrheit nur als "mediales Konstrukt" zu entlarven, was ihm jedoch nicht gelingt. Seine Familie und er fliehen vor der aufgebrachten Öffentlichkeit, die in der Nacht sein Haus mit Steinen bewirft.
Es war eine gelungene Idee des Regisseurs Klaus Gehre, die Stadtversammlung des Skripts in eine Fernsehsendung zu verwandeln und dabei das Schauspiel für einen Moment von der Bühne in die Publikumsreihen zu verlegen.
Stockmanns Ehefrau Katrin (Alexa Wilzek) will, dass ihr Mann aufgibt, damit das Leben der Familie gesichert ist. Doch der Arzt wehrt sich vehement, bei der Vertuschung mitzuspielen – auch Erpressungsversuche des Schwiegervaters, dessen Firma für die Keime im Wasser verantwortlich ist, halten ihn nicht ab – und zahlt dafür einen hohen Preis: Wohnung und Job werden ihm gekündigt.
An vielen Stellen hielt die Inszenierung Überraschungen bereit. Zum Beispiel gab es kleine Genre-Sprünge: Der zweite Akt begann wie ein Stumm-Theater, die Darsteller schlüpften in passende Kostüme. Ein anderes Mal sangen sie ihren Text wie Opernsänger. Immer wieder wurden Musikeinspielungen benutz, um das Schauspiel etwas "aufzupeppen" oder mit dem Text aus den Liedern die Handlung zu verdeutlichen. Am Ende, als der Arzt schließlich mit den Worten "Der ist der Freieste, der für sich allein steht" sich von allen abwendet, wird der Toxotronic-Song "Kapitulation" eingespielt. An dieser Stelle zwar sehr passend, nahmen die Einspielungen an anderen Stellen dem Zuschauer Raum für eigene Interpretationen.
Zum Teil blieb das Publikum etwas "verwirrt zurück", als der Redakteur zum Beispiel im Glitzerkostüm Michael Jackson nachahmte und der Sinn dahinter nicht erkennbar wurde. Trotzdem hatten diese Einschübe ihren Unterhaltungswert, vor allem für das junge Publikum.
Johanna Ohlau


Die Ehre der edlen Ritter      TdA mit Ibsen im Kulturhaus: Wenn Moral und Existenz gegeneinander kämpfen
Altmark-Zeitung, Salzwedel   18. Oktober 2010

Es war wohl das erste Öko-Drama der Literaturgeschichte, als Henrik Ibsens Volksfeind 1883 in Christiania uraufgeführt wurde. Das nicht allzu häufig gespielte Stück um einen Kurarzt, der entdeckt, dass das Wasser verseucht ist und darüber mit den Oberen in Konflikt gerät, brachte am Freitag in der Inszenierung von Klaus Gehre ein anregendes, wenn auch sich erschöpfendes Nachdenken über Wahrheit, Medien und Politik mit sich.
Zu David Bowies Space Oddidy schwebt ein Astronaut über die Bühne, schrill-schräg peitscht die Musik aus dem Jahr 1969 durch das Salzwedeler Kulturhaus und führt die Zuschauer auf die Erde in eine norwegische Kleinstadt. Auf der Bühne steht ein monströses Baugerüst, von dem Badeart Stockmann gestikulierend referiert.
Bekanntlich zeigt der 1883 im Christiania-Theater uraufgeführte Volksfeind eine Gesellschaftsanordnung, in der Lobbyisten und Politiker, Hausbesitzer und Mieter eine groteske Symbiose eingehen.
In Zeiten korrupter Banker und nicht immer christlicher Priester, bestechlicher Politiker, Stuttgart 21 und Gorleben konnte sich die Bearbeitung von Klaus Gehre als aktuell erweisen. So hatte das Theater der Altmark Stendal, das sich unter der Dramaturgie von Sascha Löschner die soziale Analyse auf die Fahne geschrieben hatte, denn auch eine ungefällige, brisante Interpretation aufgetischt, die dem spärlichen Kulturhauspublikum den Spiegel gnadenlos vors entsetzte Gesicht hielt.
Der Mensch wird unschuldig geboren, die Welt macht ihn zum Verbrecher – oder auch nicht: Als so schlichte Botschaft durfte man den Abend wohl nicht verstehen. Es ging darum, vielschichtige Wirklichkeitsaspekte innerhalb eines gesellschaftlichen Mikrokosmos, in dem einfache Freund-Feind-Zuordnungen nicht mehr greifen, zu veranschaulichen. Damit verzichtete Gehre zwar auf die malerische Form moderner Aufführungen, die den Kampf des wahren "Patrioten Stockmann" gegen Willkür und Amtsschimmel hervorhebt, nahm dem Stück aber Dynamik und Faszination. Die aufregende Entwicklung ließ sich schwer erleben, dafür blieben Optik und Ton zwei Stunden lang ähnlich und dem Stück fehlte es ein wenig an Tempo. Prächtig aber war, wie der Politstreit in ein Lehrstück über "Wissen und Verantwortung" übersetzt wurde. Der Text beherzt gestutzt, mit Umgangssprache gewürzt und siehe da: Es brachte das kommunale Problem im Privatkampf auf den Punkt. So lächerliche monströs wie unlösbar.
Löschner arbeitete inhaltliche Grundlegung auch der selten erörterten Pflichten gegen sich selbst in Ibsens Werk heraus. Diese waren die substanziellen Werte menschlicher Würde und moralischer Anatomie. Der schwärmerische Idealist Thomas und sein realpolitisch erstarrter Bruder Peter, der als Bürgermeister die Macht hatte – das war ein Machtkampf seit Kindertagen. Und das verseuchte Wasser mit den Schadstoffen aus der Gerberei von Thomas’ Schwiegervater eine Gelegenheit, diesen ein für allemal zu bezwingen. Derweil könnte die ganze Stadt finanziell baden gehen.
So wächst die Zeile "immer unter Berücksichtigung der Finanzlage" im alles übertönenden Chor zum Mantra und zum – bis heute unschlagbaren – Endpunkt aller politischen Diskussion. Rechthaber sind beide: Peter, der Machtmensch, den Mathias Kusche mit kleinem Handicap und fürchterlicher Unerbittlichkeit überzeugend auf die Bühne stellte. Dieser Mann führte einen Vernichtungsfeldzug gegen den Bruder – aber er hatte auch Argumente, die in Zeiten knapper Kassen auf Vollstrecker und Masse gleichermaßen wirkten. Ein Volksfeind von Henrik Ibsen, eine Parabel über Betrug, der im Interesse des Gemeinwohls vertuscht wurde. So bekommen die Worte Gustav Heinemanns auch heute klare Bedeutung: Wer nicht handelt, wird behandelt.
Bernd Zahn


Moderne Volksfeind-Inszenierung begeistert      Die Inszenierung des Theater der Altmark Stendal beeindruckte
Seesener Tageszeitung   8. Dezember 2010

Einige Theaterbesucher verließen bereits zur Pause die Aula am Sonnenberg – eine kleine Minderheit, denen Ibsens Volksfeind nach eigenem Bekunden zu modern geraten war. Das Gros des Auditoriums allerdings zeigte sich von der außergewöhnlichen Inszenierung des Theater der Altmark Stendal beeindruckt und begeistert – der Schlussapplaus sprach da für sich. Er galt aber nicht nur den Akteuren auf der Bühne, sondern auch und gerade dem Regisseur Klaus Gehre, der das Umweltdrama Ibsens mit zum Teil witzigen Einfällen und kuriosen Verfremdungen durchgesetzt hat, und das Abdriften des vermeintlichen "Helden" , Dr. Stockmann, in die Isolation transparent macht; eine Isolation, die bereits zu Beginn der Aufführung durch den Raumfahrer, der zu den Klängen des David Bowie Songs Space Oddity über die Bühne torkelt, symbolisiert wird. Zur Handlung. Dr. Thomas Stockmann (André Vetters), seines Zeichens Badearzt in einer aufstrebenden norwegischen Kleinstadt, hat aufgrund intensiver Untersuchungen festgestellt, dass das Kurbad, das auf seine Initiative hin gebaut wurde, von "Killerbakterien" verseucht ist. Die bittere Wahrheit hat für Dr. Stockmann nur eine Konsequenz: Aufgrund des Gesundheitsrisikos für die Gäste muss das Bad so lange geschlossen werden, bis der Fehler behoben und die Anlage wieder "clean" ist. Zunächst wird der Badearzt ob seiner "Entdeckung" gefeiert, und er lässt sich denn auch gern feiern – und: die Lokalpresse, allen voran Redakteur Hovstadt, der sich der Wahrheit verpflichtet fühlt, will einen großen Artikel Stockmanns veröffentlichen. Doch als deutlich wird, dass die Schließung des Bades und die Beseitigung der Kontaminierung ganz erhebliche Kosten mit sich bringen, wendet sich das Meinungsblatt: Der "Held" bekommt Gegenwind – von der Presse, von den Einwohnern und nicht zuletzt von seinem Bruder Peter Stockmann (Mathias Kusche), der als Stadtrat für die Kommune verantwortlich zeichnet. Doch Dr. Stockmann rückt von seiner absoluten Forderung nach Schließung des Bades nicht ab, lässt sich auf keinen Kompromiss ein und erklärt schließlich auf einer Volksversammlung, dass nicht die Mehrheit, sondern die Minorität, also er, Dr. Stockmann, im Recht ist. Eine Haltung, die für den Arzt fatale Folgen hat: Er wird zum "Volksfeind", zu einer "Bedrohung der Stadt" erklärt, verliert – wie auch Tochter Petra (Susanne Kreckel) – seinen Job und erhält von seinem Vermieter die Kündigung. Zum Schluss steht er völlig isoliert da und wähnt sich in dieser Lage "am stärksten".
Ulrich Kiehne


Ein Volksfeind im Publikum      Auf Einladung des Kulturbundes zeigte das Theater der Altmark in den Schlossterassen, wie modern Ibsens Klassiker noch immer ist
Ostholsteiner Anzeiger, Eutin   15. Februar 2011

Plötzlich waren sie wirklich mittendrin, die Zuschauer, die am Freitag zu Henrik Ibsens Ein Volksfeind in die Schlossterassen gekommen waren. Nicht nur passive Konsumenten, sondern Teil der Inszenierung. Und dabei zeigte sich, wie schnell die vormals bejubelte Hauptfigur auch vom aufgeklärten Publikum ausgepfiffen wurde. Ob grandios mitgespielt oder wirklich so empfunden - wer weiß das schon genau. Die Moral von der Geschichte, erlebt am eigenen Leib.


Dr. Thomas Stockmann, Badearzt in einem namenlosen Kurort, entdeckt giftige Bakterien in den Heilquellen. Schnell wird er von der Öffentlichkeit zum Helden, zum Retter stilisiert. Und ebenso schnell wieder fallen gelassen. Als den Einwohnern nämlich klar wird, was für finanzielle Konsequenzen diese Entdeckung für sie hat.


Uraufgeführt im Jahre 1883 hat dieser Stoff doch nichts von seiner Aktualität verloren. Vielleicht besonders in einer vom Tourismus geprägten Region wie der Holsteinischen Schweiz.


Gerade deshalb aber hätte die Inszenierung von Klaus Gehre nicht so auf diese Modernität pochen müssen, sondern die Aussage des Stückes für sich selbst stehen lassen sollen. Krampfhaft moderne Elemente wie eine Tanzeinlage zur Musik der Neuen Deutschen Welle oder Slapstick mit personifizierten Bakterien hätten nicht sein müssen.


Wobei nicht alle Modernität fehl am Platze wirkte. Thomas Stockmann (André Vetters) in Jeans und Lederjacke und Alexa Wilzek als seine Frau Kathrin im Hippieoutfit waren auf den ersten Blick als zu den Fortschrittlichen gehörend zu erkennen. Der Rest der Bevölkerung, selbst die, die zuerst noch auf Seiten des Badearztes standen, war streng, altmodischer und konservativer gekleidet. Besonders gut gelang diese Metaphorik bei der Figur des Peter Stockmann (Mathias Kusche), Bruder von Thomas und als Stadtrat auch dessen Gegenspieler. Anders als in Ibsens Vorlage saß er in dieser Inszenierung des Theaters der Altmark im Rollstuhl - körperlich genauso unbeweglich wie geistig.


Enttäuscht vom Egoismus all derer, auf die er sich verlassen hatte, will Thomas Stockmann seine Entdeckung trotzdem der Bevölkerung verkünden. Bei Ibsen auf einer öffentlichen Versammlung, in dieser modernen Inszenierung durchaus passend als Übertragung im Offenen Kanal.


Schon oft gab es Inszenierungen, in denen die Schauspieler plötzlich inmitten des Publikums saßen. Selten aber gelang es so wie hier, die Zuschauer auch zum Teil des Geschehens zu machen.

Anfangs, als Thomas Stockmann die Bevölkerung für sein Anliegen gewinnen wollte, klatschten die Anwesenden mit und gaben teils sogar den Schauspielern Widerworte. Dann aber, als die Stimmung wie vom Drehbuch gewollt kippen sollte, waren die Eutiner auch hier voll dabei. Um den Badearzt, der enttäuscht die angebliche Kompetenz der Masse und den immer währenden Rechtsanspruch der Mehrheit anprangerte, am Ende der Szene laut auszupfeifen.


Was blieb, waren begeisterte und nachdenkliche Zuschauer. Und ein "Lehrstück der Demokratie", wie eine Besucherin es formulierte.
Claudia Resthöft


Volksfeind einfallsreich inszeniert      Ibsens Theaterstück begeistert das junge Publikum im KTS
Grafschafter Nachrichten, Nordhorn   7. April 2011

Es war eine hoch interessante und einfallsreiche Inszenierung des rundum erneuerten Volksfeindes (1882) von Henrik Ibsen, die Klaus Gehre vom „Theater der Altmark“ in Stendal in den gut gefüllten KTS gebracht hatte. Das teilweise sehr junge Publikum (das Stück ist Abiturthema) dankte der guten Ensembleleistung mit lang anhaltendem rhythmischen Klatschen.
Gehre interpretierte die schillernd angelegte Hauptfigur des Badearztes Dr. Th. Stockmann als Don Quichotte im Kampf gegen die Verdummungsstrategie der Mächtigen, die ein wirksames Manipulationskonglomerat bilden: kommunale Politik und Verwaltung, Besitzerinteressen und Massenmedien (Presse und TV). Diese unheilige Allianz ist, sobald Verluste an Macht und Geld drohen, in der Lage, alle demokratischen Grundsätze und Grundwerte wie Ehrlichkeit, Wahrheit, Gemeinsinn und Anstand über Bord zu werfen und, mit dem Mäntelchen der Mehrheitsentscheidung getarnt, faule Eigeninteressen durchzusetzen, dabei die Massen geschickt manipulierend.
André Vetters spielte überzeugend den Badearzt, der die bakterielle Verseuchung des Wassers im Kurbad aufdeckt, als naiv utopistischen „Strudelkopf“, der - nicht frei von selbst verliebter Egozentrik - weltfremd den kommunalpolitischen Winkelzügen unterliegt und sich in die stolze Einsamkeit des - bestenfalls - belächelten Märtyrers zurückzieht. Das Schlusswort, das ihm der „hinterhältige“ Ibsen in den Mund legt, lautet: „Die Sache ist nämlich so, ... dass der stärkste Mann auf der Welt der ist, der ganz allein dasteht.“ Wer da seine Rosinante auf trostloser Aue weidete, war ein teils lächerlich verstockter, teils idealistisch wütender Engel mit Flammenschwert und Rockerjacke.
Für den Autor ist Thomas Stockmann allerdings nur der Katalysator, der verschwiemelte Machtpolitik aufdeckt. Die Inszenierung setzte - vor einem funktionalen, aber atmosphärearmen Bühnenbild (Christopher Melching) - gleich zu Beginn einen Hauptakzent: Ein Astronaut spielte die ersten Schritte auf dem Mond. Das war der Auftakt für eine Reihe aus Rolle und Stück fallender, verfremdender Zwischenszenen, die beispielsweise eine Disco-Nummer simulierten oder pantomimisch ins Plüschgewand der Ibsenzeit fielen oder eine (vom jungen Publikum bejubelte) Michael-Jackson-Einlage boten oder die gefährlichen Bakterien in Hexen à la „König Lear“ verwandelten. Dazu passend hatte Gehre den IV. Akt, den missglückten Kampfauftritt des Badearztes in einem privaten Saal, in das Studio eines TV-Senders verlegt und das langsam mitgehende KTS-Publikum zum unfreiwilligen Publikum im Stück gemacht, ein listiger Identifizierungstrick.
Aber was sollten diese - zunächst aufgesetzt erscheinenden - Modernisierungen? Hat das thematisch durchaus gegenwartsgerechte Stück solch einen Mummenschanz nötig? Waren einige dieser belustigenden Einlagen gar eine das reine Dialogstück auflockernde Anbiederung an ein junges Publikum? Oder trugen sie in verspieltem Gewande eher eine Botschaft? Vielleicht diejenige, wie sehr unsere simulations- und bildfreudige Konsumwelt die Manipulation der Massen begünstigt?
Die Leistung der anderen Darsteller stand der des Hauptdarstellers kaum nach: allen voran Mathias Kusche als machtbesessener, intriganter Stadtrat Peter Stockmann (hier im Rollstuhl), dem jedes Mittel recht ist. Susanne Kreckel als den Vater bewundernde Lehrerin Petra; Michel Haebler als Buchdrucker Aslaksen, ein gewieft schmieriger Vertreter der „kleinen Leute“; Jan Kittmann als Wendehalsjournalist Hovstedt; Bernd Marquardt als Gerbermeister Kiil, ein knochenharter Unternehmer; Eckart Schönbeck als Zeitungswurmfortsatz Billing und Alexa Wilzek als etwas blasse Frau Stockmann, schwankend zwischen Selbsterhaltungstrieb und Loyalität gegenüber ihrem Mann - sie alle waren Garanten einer überzeugenden Aufführung, deren Fragen aufwerfender Charakter besonders anregend war.
Bernd Durstewitz


Wie heißt der Badeort doch gleich?      Ibsens Ein Volksfeind aktuell wie vor 130 Jahren / Schauspieler bezogen Cuxhavener Publikum mit ein
Cuxhavener Nachrichten   11. April 2011

Um nicht weniger als um die Rolle des Einzelnen in der modernen Gesellschaft, um die grundsätzlichen Fragen von Demokratie, Liberalismus, der Möglichkeit des Einzelnen seine Ideale und Überzeugungen zu leben ohne sich den gegebenen Machtverhältnissen unterzuordnen geht es. Das Stück, das die sachsen-anhaltinische Bühne aus Stendal am Sonnabend in Cuxhaven auf die Bretter des Stadttheaters brachte, schrieb Ibsen 1882. Der Stoff hat von seiner Aktualität nichts eingebüßt, im Gegenteil. Die Auseinandersetzung zwischen dem Vertreter der Macht, dem Stadtrat Peter Stockmann, und seinem Bruder, dem kritischen Badearzt Thomas Stockmann, um die Verhältnisse in dem Badeort passen ebenso gut ins hier und heute: die Aufstände in den afrikanischen Staaten, Libyen, Albanien, Syrien, Stuttgart 21 oder der Kampf gegen die Atom- oder Kohlekraft (Moorburg).
Beispiele für derartige Konflikte, wie sie Ibsen beschreibt, gibt es auch heute mehr als genug. Im Volksfeind ist es die Verseuchung des Badewassers durch die Abwässer aus der Gerberei von Morten Kiil, dem Schwiegervater des Badearztes Thomas Stockmann. Der Konflikt und die sich daraus ergebenden Probleme kommen uns heute, rund 130 Jahre später, überraschend vertraut vor. Wie diene ich der Gesellschaft wirklich? Welches Handeln ist moralisch verantwortungsvoll? Wodurch wird unsere scheinbar so authentische Realität eigentlich konstruiert?
Mit diesen Fragen konfrontierten die Theaterleute aus Stendal das Cuxhavener Publikum. Dabei peppten sie die literarische Vorlage mit einigen Kunstgriffen auf. Während Ibsen an der Figur des Redakteurs Hovstadt den Konflikt zwischen Anpassung und kritischer Berichterstattung festmacht, inszeniert Klaus Gehre eine moderne Variante, in der die Bildzeitung und das Fernsehen die Meinungsmacht widerspiegeln.
Dank dieses Kunstgriffs und einiger Zeitsprünge und Tanzeinlagen kommt ordentlich Schwung in das Geschehen auf die karg ausgestattete Bühne.
Das Publikum wird später mit einbezogen, in dem der Stadtrat und einige andere Figuren nach der Pause in den Saal wechseln und von dort den in einem Fernseh-Interview arg unter Druck geratenen Badearzt laut beschimpfen: Sie treiben ihn in die Enge. Vom Anklagenden wird er zum Angeklagten, zum Opfer, nachdem er zuvor versucht hatte über die Zeitung die Verseuchung der Badewasserquelle durch Bakterien offenzulegen und die Verantwortlichen anzuprangern. Seine eigene Frau und die Familie macht ihm die Hölle heiß, weil es am Ende um die Frage des Erhaltes der eigenen Existenz geht.
Sein Schwiegervater treibt die Sache auf die Spitze: Er legt das Erbe für seine Tochter bewusst in Aktien des verseuchten Kurbades an, um den Badearzt und Schwiegersohn moralisch in die Knie zu zwingen und von der Aufklärung über den Skandal abzubringen. Stockmanns Widerstand führt ihn in die Isolation.
Seinen Kampf gegen das Establishment bezahlt er mit dem Verlust seiner Familie und beruflichen Existenz. Nur im Rückzug auf sich selbst kann ihm seine Einstellung nicht genommen werden, doch so verhallt seine Kritik ungehört. Am Ende ist sein Widerstand gebrochen. Die Mächtigen haben gesiegt, oder?
Thomas Sassen


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