Regie und Theater
Es ist schon wieder jemand tot Klaus Gehres erfindungsreiche Uraufführung des Wolf-Haas-Romans
nachtkritik* 25. November 2009
Es ist der Stoff, aus dem die Legenden sind. Wolf Haas' Komm, süßer Tod gewann 1999 den Deutschen Krimi-Preis, die Verfilmung von Wolfgang Murnberger mit dem knorzigen Josef Hader als Detektiv wider Willen im Wiener Dschungel ist Kult. Im Juni 2008 hat dann Klaus Gehre den Roman als Werkstattinszenierung am Schauspiel Leipzig auf die Bühne gebracht, jetzt hat der neue Frankfurter Intendant Oliver Reese diese Uraufführung in sein Haus geholt. Und in der Hauptrolle: der Brenner.
Ein Sympathieträger ist dieser Brenner nicht gerade. Nicht auf den ersten Blick. Eher ein undurchsichtiger Kauz mit 19 Jahren Polizei- und Detektivtätigkeit auf dem Buckel. Jetzt hat er die Kriminal- und Nachforschungsangelegenheiten gegen das solide Sterben eingetauscht, oder sollte man sagen: gegen das nackte Leben? Denn darum geht es in seinem neuen Job als Rettungswagenfahrer.
Kaum ist er bei der Rettung angekommen, da gibt es schon die ersten Leichen. Sie sind keines natürlichen Todes gestorben, versteht sich. Und der Brenner, dem anscheinend grundsätzlich alles und jeder den Buckel runterrutschen kann, bis er dann plötzlich doch ein Interesse entwickelt für gewisse Vorkommnisse und Mitmenschen, dieser verstockte, verlotterte und verpeilte Kerl, der nicht geradeaus denken kann, sondern gedanklich immer noch einmal um die Ecke biegen muss, einen Umweg einlegen, dieser Brenner jedenfalls muss doch noch mal ran. Einen Doppel- und Dreifachmord lösen, und einen soliden Skandal im Pflegedienstwesen. Das zugehörige Kriminalgebäude ist ziemlich komplex.
Für seine Video-Live-Performance Komm, süßer Tod hat Klaus Gehre darum dem Programmheft eine Skizze mit Personennamen und ihren Verhältnissen beigefügt. Schön handgeskribbelt, wie der ganze Abend herrlich roh und handgemacht daherkommt, eine handgeschusterte Performance mit Live-Bildproduktion.
Auf einem langen Arbeitstisch befindet sich der ausgekippte Werkzeugkoffer des Geschichtenerzählers: Eine Modellbau-Häuserzeile mit Bäumchen und Fachwerk, diverse Puppen, Aschenbecher, Bierflaschen, Kronkorken, Kaffeebecher. Einige Märklin-Autos für Verfolgungsjagden und andere Fahrten. Hier entwirft Gehre eine wunderbar krude, eigensinnige und kurzweilige Geschichte um zwei konkurrierende Wiener Rettungsdienste, denen im Wettkampf um die sterbenskranke Kundschaft die freie Marktwirtschaft außer Kontrolle gerät. Da wird aus der Witwenbetreuung eben Testamentsfälschung, aus der Testamentsfälschung Testamentsbeschleunigung. Aber nicht mit dem Brenner, der sich unelegant und widerspenstig in die Mordsgeschichten einmischt.
In der Box, der kleinsten Spielstätte des Schauspiels Frankfurt, sitzt man den Akteuren nah auf der Pelle. Die Black-Box-Schachtel, aufgestellt zwischen Garderoben und Toiletten des Theaters, trägt ihren Namen übrigens zu recht. Hier soll, wie in so vielen anderen Stadttheatern heutzutage, das künstlerische Experiment seinen Platz finden. Oder vielmehr: sein Plätzchen. Binnen zehn Minuten ist die Luft schlecht in der Kiste, aber die Theaterirrsinnsfabrikation, aus nächster Nähe betrachtet, wiegt das auf.
Mit Kamerafahrten, Verfolgungsjagden, Küsserkönig, Bombenattentat wird der Krimi hier neu erzählt. Torben Kessler spielt dabei den Erzähler und weitere 13 Rollen: Die lackierten Nägel der linken Hand machen ihn zur verführerischen Angelika Lanz, ein 80er-Jahre-Kassengestell und einfältiges Sabbergrinsen zum stoffeligen Sanitäter Hansi Munz, eine Augenverdrehung zum humorigen Unfallopfer Lungauer.
Und der Schauspieler bedient als Erzähler die Spezialeffekte, die Gehre abfilmt und auf zwei Fernsehmonitoren und einer Leinwand laufen. Dabei erklären Zuckerwürfeltürmchen das Prinzip freie Wirtschaft, aus einem Rückspiegel, in dem ein Modellauto ruckelt, wird eine Verfolgungsjagd, und aus zwei Wunderkerzen das funkensprühende Kaleidoskop einer Explosion.
Dieser Erfindungsreichtum mit reduzierten Mitteln übersetzt die Kargheit, das Spröde und zugleich in alle Richtungen Ausufernde des Haas'schen Stoffes kongenial ins Hier und Jetzt der Theater-Film-Erzählung. Der Kleinkrieg der Rettungsdienste mit seinen Nebenschauplätzen, Randspielern und zahllosen Schlenkern wurde klug auf Linie gestrichen, ohne den Charme des Überbordenden zu beschneiden.
Allein, der Wiener Schmäh, der geht einem zwischendurch ein wenig ab, denn Kessler spricht weitgehend ein mundgerechtes Hochdeutsch. Das tiefergelegte Tempo des Romans halten Gehre und Kessler aber bei: Mit entspannter Fabulierlust spielen sie den rabenschwarzen Krimi durch, der sich furchtlos durch niedere Territorien der Begierden und des Morbiden schlägt.
Esther Boldt
Der Brenner und sein Plastikchef In eine Puppenstubenwelt steckt Klaus Gehre die Krimi-Figur im Frankfurter Schauspiel
Frankfurter Rundschau 27. November 2009
So hat die Wolf-Haas-Fangemeinde den Brenner noch nicht zu sehen bekommen: als lässig-verstrubbelten Spieler in einer Puppenstubenwelt. Da kurbelt er an der Mini-Kulisse, auf dass es aussieht, als rase ein Rettungswagen durch Wien, da hat er ein hysterisches Kunststoff-Püppchen namens Nicole am Hals, da diskutiert er mit »Junior«, seinem Chef, der ganz klar aus Plastik ist.
Im Frankfurter Schauspiel gibt es nach der Jakob-Arjouni-Reihe nun noch mal Krimi in der Box, Haas’ Komm, süßer Tod mit zwar nur einem Darsteller, dem geradezu Ideal-Brenner Torben Kessler, aber mit mehr inszenatorischem Aufwand als die Arjouni-Skizzen.
Denn damit die Größenverhältnisse irgendwie hinkommen, werden Spielzeugautos und Pappmaché-Straßenzüge und Figürchen live gefilmt. Und auch Torben Kessler wird gefilmt, man kann ihn also, falls man die Augen in unterschiedliche Richtungen schicken kann wie er, doppelt sehen. Klaus Gehre hat sich diese vertrackte Inszenierung ausgedacht, sie funktioniert wunderbar. Sogar eine Autobombe explodiert, Wunderkerzen sorgen später für Action-Funkenflug.
Die Inszenierung im gemischten Puppen-Mensch-Format funktioniert auch deswegen so gut, weil Wolf Haas' Sprache - er lässt den Ex-Polizisten Brenner erzählen - einerseits umgangssprachliche Rasanz hat, andererseits aber eben doch erheblich geformt ist. Jeder Satz eine Pointe: Das bietet sich an für einen quasi Alleinunterhalterabend.
Kessler setzt nur eine Brille auf und ist Hansi Munz, der nicht helle ist, aber zuletzt ein Held. Kessler zieht nur einen Damenhandschuh an und ist die alte Rupprechterin. Kessler setzt sich nur in einen Rollstuhl und ist Lungauer, das erste Opfer der Rettungsdienste. Und wenn er als Brenner in der Kneipe hockt, raucht und scharf denkt, da weiß man: Der wird die Sauerei schon aufklären.
Sylvia Staude
Wiener Schmäh im Miniatur-Format Die Box im Schauspiel Frankfurt brachte Wolf Haas' Kriminalroman Komm, süßer Tod in der Regie von Klaus Gehre auf die Bühne.
Frankfurter Neue Presse 26. November 2009
Dass der Brenner mit das Beste an Österreich ist, stimmt schon irgendwie − allerdings nicht darum, weil man dort wieder rauskommt. Sondern weil der Detektiv Simon Brenner so wienerisch ist wie der Zentralfriedhof. Komm, süßer Tod zum Beispiel, der dritte von sechs Brenner-Krimis vor dem Tod des Helden und einem weiteren danach, erzählt vom Konkurrenzkampf zwischen Wiener Rettungsdiensten. Da im Wort Sterben das Erben steckt, können die Omis ihren »Rettern« gar nicht sterbelustig genug sein, weshalb sie ihnen lieber gleich auf die Sprünge helfen, bis irgendwann der Brenner dazwischenfunkt. Vergnüglichste Krimikost mit einem Erzähler, der sich mit Wiener Schmäh und Schweinigeleien durch unnötige Feinheiten hackt.
Klaus Gehre inszeniert das in einer echten Theater-Nussschale, oder im Klartext für Modelleisenbahner: im H0-Format. Aufgebaut ist ein großer Leichtmetalltisch mit den Szenerien en miniature: Häuserzeilen, ein Himmel, Endlos-Bildwalze für Fahrszenen, Ziegelfassade mit Grünzeug als »Kellerstübel«, Bierflaschen, Schnapsgläser, Bildtassen von Hendrix und J. S. Bach (daher der Titel). Indem Gehre der rasanten Handlung als Kameramann nachspringt wie ein theatergeiler Sandfloh, während Torben Kessler die Figuren mal als Püppchen, mal in Großaufnahme zum Leben erweckt, erzeugt er einen ständig amüsierten Aha-Effekt.
Markus Hladek
Brenner und der süße Theater-Tod Live-Performance
Fuldaer Zeitung 27. November 2009
Dass sich die Fälle des Detektivs Brenner hervorragend für die Leinwand eignen, haben bereits drei Roman-Verfilmungen mit dem Schauspieler Josef Hader gezeigt. Dass es aber auch im Theater funktioniert, diesen Beweis tritt nun das Frankfurter Schauspiel an. Die Umsetzung von Komm, süßer Tod ist ein spannendes Experiment, das mit einem einzigen Schauspieler auskommt.
In dieser Video-Live-Performance ist der Ex-Polizist als Rettungssanitäter in Wien unterwegs. Als sich einige merkwürdige Todesfälle ereignen, nimmt sich Brenner der Sache an. Dabei bekommt der unbekannte Erzähler aus der Romanvorlage in Frankfurt ein Gesicht. Es ist das von Schauspieler Torben Kessler, der nicht nur für den narrativen Fortgang der wie stets blutigen Geschichte sorgt, sondern gleichzeitig auch in 14 verschiedene Rollen schlüpft. Vor allem aber lebt diese ungewöhnliche Aufführungsform von den spannenden Bildern, die mit einer Kamera, einer Leinwand und mehreren Monitoren erzeugt werden. Dafür hat Regisseur und Kameramann Klaus Gehre einen langen Tapeziertisch ausgebreitet, auf dem sich zahlreiche Requisiten stapeln. Barbiepuppen, Spielzeugautos und Pappkulissen erzielen in der Großaufnahme eine beachtliche Wirkung. Und wenn dann noch das Objektiv gemächlich über ein paar alte Postkarten wandert, können die Zuschauer auf einmal sogar ihren Blick über Wien schweifen lassen. Ein schönes Spiel mit der Illusion. Auch so kann Theater funktionieren.
Björn Gauges
Blut ist ein besondrer Saft Das Frankfurter Schauspiel erstrahlt in neuem Glanz
Neue Züricher Zeitung 10. April 2010
[...] In der Box, einem experimentellen Spielfeld, das unlängst ins Garderoben-Foyer des Schauspielhauses eingebaut wurde, steht als Video-Live-Performance Wolf Haas' Krimi «Komm, süßer Tod» (1998) auf dem Programm, der im Milieu der Wiener Rettungsdienste angesiedelt ist. Fernseher offenbaren, was Regisseur und Kameramann Klaus Gehre abfilmt, indes Torben Kessler virtuos in 14 verschiedene, mitunter blutige, nie blutleere Partien schlüpft und Michael Lohmann dazu den Sound ergänzt. Die Bühne liefert lediglich das Modell eines urbanen Ortes. Dieser Charakter scheint zu passen für das Frankfurter Schauspiel, ein vibrierendes Haus der Kunst, das in einer von engagierten Bürgern und internationalen Gästen geprägten Stadt zum Muster dafür wird, wie man heute erfolgreich Theater macht.
von Thomas Leuchtenmüller
Komm, süßer Tod Gehre/Kessler holen Wolf Haas an den Basteltisch
Journal Frankfurt 12. November 2009
Der Brenner ist zurück und zwar auf breiter Front! Soeben hat der mindestens büchnerpreisverdächtige Wiener Krimiautor Wolf Haas seinen übellaunigen, alltagsklugen Kultdetektiv Simon Brenner wiederbelebt. Mit Der Brenner und der liebe Gott setzt er die wohl tiefsinnigste und komischste Romanserie der jüngeren Vergangenheit fort. Derweil zeigt sich im Kino mit Der Knochenmann erstmals eine Verfilmung der großen Buchvorlage angemessen. Zeit also, dass der Brenner auch auf die Bühne kommt. In der Box des Schauspiels Frankfurt steht die Uraufführung des Pflegedienstschockers Komm, süßer Tod an, in dem zwei Wiener Rettungsdienste bis aufs Spenderblut um ihre Patienten konkurrieren. Es wird ein Theaterabend ganz auf der Höhe des multimedialen Gesamtereignisses »Brenner«. Als »Video-Live-Performance« legen Regisseur Klaus Gehre und das neue Ensemblemitglied Torben Kessler ihre Romanadaption an, von der Vorstudien bereits in Leipzig zu sehen waren. An einem riesigen Modellbautisch erzählt Kessler den Krimi und stellt die Handlung mit Puppen oder frei Hand nach. Gelegentlich spielt er abseits des Tischs - und zwar insgesamt 14 Rollen, vom anrührenden Loser bis zum schrägen Ganoven. Was Gehre davon mit der Kamera abfilmt, läuft parallel auf Monitoren. Dieser Bilderwettstreit hat seinen eigenen Reiz. Während die Männer am Basteltisch mit simplen Mitteln handwerken, suggeriert ihr soundtechnisch hochgepushtes Video kitzelnde Dramatik. Alles ist detailreich und mit lässigem Understatement vorgetragen. So weht echt Haas'scher Geist in dieser eigenwilligen Theatererzählung: Voll dezenter Komik entfaltet sie große Entdeckungsfreude für das Kleine und Abseitige.
Ein Brenner-Krimi mit Modelbau, Video und dem Glanz des Understatement.
Komm süßer Tod
Prinz. Stadtmagazin Frankfurt/Main Januar 2010
Torben Kessler ist der Privatdetektiv Brenner. Und der Hansi Munz. Und der Lungauer. Und auch der Manfred Groß, den sie alle immer nur Bimbo nennen, bis er ermordet wird, erwürgt mit der eigenen Goldkette.
Den bekannten Krimi Komm, süßer Tod von Wolf Haas hat der Regisseur Klaus Gehre als Ein-Mann-Abend mit dem Schauspieler Torben Kessler inszeniert. Kessler spielt alle Rollen inklusive Erzähler und zeigt sich dabei erstaunlich wandlungsfähig - und als hervorragender Komiker. Er hantiert mit Handpuppen, rast mit Spielzeugautos durch die am Ende ziemlich verwüstete Puppenhauskulisse, trägt schaurige Perücken oder Nagellack und raucht dabei unglaublich viel, während Gehre das Ganze mit einer Videokamera filmt.
Auf zwei Fernsehern und einer Leinwand wird die Geschichte um drei Morde im Wiener Rettungssanitätermilieu erzählt - das Ganze erinnert ein bisschen an Harald Schmidt, der mit Playmobil-Figuren deutsche Geschichte nacherzählt, ist nur viel melancholischer, seltsamer und spannender. Komm, süßer Tod ist Theater mit kleinsten Mitteln und größter Wirkung - und davon können wir gar nicht genug kriegen.
Alexander Jürgs
Komm süßer Tod: Bloody Bastards
Strandgut. Kulturmagazin Frankfurt/Main Juni 2010
Torben Kessler ist Simon Brenner, der alpine Privatdektiv. Und viel mehr als das in der Box. Der große Blonde, der in Lulu als Jack The Ripper meuchelt, spielt im windschiefen, schwarzen Stellwandkasten des Schauspiel-Foyers alle relevanten Rollen aus Wolfgang Haas’ Krimi Komm, süßer Tod. Exakt vierzehn Mal wechselt Kessler an einem mit Spielzeugautos, Puppen und Bauklötzchen drapierten Tapeziertisch die Identität. Er jagt, stirbt, tötet, sprengt und verhört sich selbst, ohne daß es Mühe machte, der Handlung, die sich um Blutspenden, Blutspender und Bloody Bastards dreht, zu folgen. Regisseur Klaus Gehre schafft dazu mit Toncollagen und großformatigem Live-Video verblüffende Effekte – und durchaus Krimispannung. Die mehr als nur szenische Lesung gehört zu den Vorstellungsperlen, mit denen die nur bis zu 60 Leute fassende Box die Spielstätte auf der Zwischentreppe abgelöst hat.
Komm süßer Tod Eine Video-Live-Performance von Wolf Haas
Kunstpresse.de 1. Dezember 2009
Ein Erzähler, ein Kameramann, ein Bildregisseur und ein Tisch voller Requisiten: das sind die Akteure von dem Stück Komm, süßer Tod, das unter der Regie von Klaus Gehre in der so genannten Box des Schauspiels Frankfurt seit November aufgeführt wird. Dabei werden die geläufigen Theaterpraktiken gleich in mehrfacher Hinsicht in Frage gestellt, denn inwieweit kann überhaupt von Akteuren die Rede sein, wenn sich die Handlung vor allem verbal vollzieht und nur einige Puppen - Spielzeugfiguren - quasi zur Illustration herangezogen werden und die Aufgabe der eigentlichen Akteure in einer Form der Beobachtung und der Bestandsaufnahme besteht.
Doch eben darin besteht der Reiz des vom ersten Augenblick an äußerst packenden Stücks. Der Tisch voller Requisiten - Häuser verschiedener Art, wie man sie von Modelleisenbahnen kennt, Puppe à la Barbie und Verwandtschaft und eine Reihe kleiner Spielzeugautos - erinnert an eine jener Installationen, wie sie Hans-Peter Feldmann für den musealen Kontext und als künstlerisches Statement geschaffen hat, nur das bei diesen der Betrachter die Geschichte selbst finden muss. In Komm, süßer Tod wird sie durch die Schauspielerhand, die zugleich die des Erzähler der Handlung ist, performt. Sie agiert im miniaturhaften Spielzeugzimmer und belebt die kleinen Plastikfiguren. Die Zuschauer können das Geschehen über mehrere Fernsehbildschirme und eine größere Leinwand bequem verfolgen, überträgt doch die Videokamera jedes Detail, jede Bewegung in Echtzeit dorthin.
Die Handlung ist - gleichwohl komplex und von mehreren Brennpunkten gezeichnet - schnell erzählt. Kriminelle Machenschaften zwischen den beiden rivalisierenden Krankentransportunternehmen Kreuzretter und Rettungsbund lösen mehrere Morde und Versuche dazu aus. Es kommt zu einer wilden Verfolgungsjagd pikanter Weise im Rettungswagen und dem letztendlichen triumphalen Sieg des guten Helden. Die Beziehungen, die sich zwischen den einzelnen Vertretern entspannen, werden mit Witz und Lebendigkeit übermittelt. Das Spektrum an Eigenarten ist so vielfältig, wird so überzeugend den einzelnen Charakteren zugespielt, dass es überhaupt nicht auffällt, dass eigentlich immer nur eine Erzählerstimme agiert. Sie hat sich im Grunde aus dem Geschehen soweit zurückgezogen, dass sie den Figuren nur mehr zur Artikulation verhilft. Aber handeln, performen und reagieren bleibt ganz bei den kleinen Spielzeugfiguren, denen man solche Lebendigkeit anfangs nicht zugetraut hätte. Ja, wer hätte schon gedacht, dass ein Tisch voll Requisiten, eine dem Kinderzimmer von Hans-Peter Feldmann ähnliche Installation ihr Eigenleben entfaltet und zum realzeitlichen Krimi auswächst.
Schicksalsjahre eines Ponypaars Enthusiasmus hilft, manchmal: „Kaltstart“, das größte und unbekannteste Theaterfestival Norddeutschlands
Süddeutsche Zeitung 19. Juli 2010
[...] so wie „Arabboy“ maximal genau ist, so sind Klaus Gehres Minaturshows maximal abstruse Zerstreuung. Mit Spielzeug, handgemachten Spezialeffekten, einer Fernsehkamera und dem Schauspieler Torben Kessler erzählt Gehre in „Komm, süßer Tod“ einen Krimi von Wolf Haas über mörderische Testamentsbetrüger im Wiener Rettungsdienst nach. Rund um einen Tisch mit den Requisiten der Firmen Barbie, Märklin und Radeberger Pils inszeniert die Kamera mit Großaufnahmen und Kessler mit grotesken Verwandlungen alles vom Zungenkuss bis zur Verfolgungsjagd mit überraschend einfachen Tricks. Das Gastspiel der Box des Schauspiels Frankfurt war vielleicht der schönste Beweis der ersten Festivalwoche, wie aus der kleinen Form der große Abend wird. [...]
Till Briegleb
Süßer Sterben mit den Erben Klaus Gehres Inszenierung von Wolf Haas’ „Komm, süßer Tod“ ist eine modellhafte Bühnenoffenbarung
Kaltstart-Festival-Zeitschrift, Ausgabe 4 20. Juli 2010
Die Nicole ist eine Schicke. Verführerisch wiegt sie im bunten
Blümchenoverall den Oberkörper und schüttelt das toupierte
Haar. Man müsste schon blind und taub zugleich sein, um
nicht zu erkennen, dass der Brenner die Nicole heiß findet.
Doch vor allem dient sie ihm als heiße Informationsquelle.
Also versucht er, sie auf andere Weise rumzukriegen: Während die Nicole ihre Plastikärmchen ordentlich nach hinten
verbiegt, löchert der Brenner sie zu einem Thema, bei dem er
nur bedingt Spaß versteht: Es geht um Mord. Gleich zwei Mal.
Eine Kunststoffleiche nach der anderen: „Jetzt ist schon
wieder was passiert“ steht angemessen programmatisch im
Programmheft von „Komm, süßer Tod“, der Bühnenadaption
des Kriminalromans von Wolf Haas. Die Vorlage ist der in Buchstaben gefasste Nationalstolz, genauso der Film, in dem
Josef Hader den durch und durch verkorkst-verwienerten
Rettungssanitäter Brenner mimt. Der ehemalige Bulle und
Privatdetektiv ist für manche das Beste, was Österreich zu
bieten hat. Und es scheint, als punkte man dort mit Brenner
als erstem wahren Popfiguren-Exportschlager nach Romy
Schneiders Sissi.
Dabei ist „Komm, süßer Tod“ als grobes Handlungsgeflecht
gar nicht so aufregend. Es passiert zwar am laufenden
Band etwas, doch die Ereignisse sind in ihrer Lakonie eher
Beiwerk. Hier eine Leiche, da ein Zungenkuss, noch ein
Leiche, viele, viele mögliche Mörder und einige Karambolagen. Der wahre Star des Buches wie des Films ist der
grantelnde Wortwitz, schillernd im dunkelsten Schwarz und
trocken wie Sandkörner, die nach einem Sturm zwischen
den Zähnen knirschen. Der Regisseur und Bühnenkünstler Klaus Gehre hat für die Inszenierung von „Komm, süßer Tod“, die am Schauspiel Frankfurt entstanden ist, etwas sehr
Kluges getan: Er lässt der Sprache ihren heruntergekommenen Charme und kontrastiert sie mit einer Kulisse, die
im wahrsten Sinne spielerisch funktioniert. Modellbauern
müsste der Anblick Tränen der Verzückung in die Augen treiben: Häuser und Straßenzüge auf Miniatureisenbahn-Maßstab. Zwischen all dem Rettungswagen, die durch die Szenerie brettern, als setze Plastikleim die StVO außer Kraft.
Rund um den Tisch des Geschehens sind Monitore aufgebaut,
die mit Kamera-Close-Ups eine weitere Wahrnehmungsebene ins Spiel bringen. Es ist ein Zoom der besonderen Art.
Die Zuschauer können zwischen der filmischen Illusion und
der theatralen Ebene hin und her switchen. Figuren werden durch Puppen symbolisiert, deren Kunsthaar auch mal
kahle Stellen von der Chemotherapie aufweist, während die
Bäckchen munter weiter grinsen. Barbiepuppenbeine stehen für die klischierte Sexyness von Bürofegern, die das dreckige Dutzend, das da vor sich hin mauschelt, verwirren und manipulieren. Bis auch so eine mal dran glauben muss. Das
Milieu der Rettungsvereine hat so einige Leichen im Keller. „Kreuzretter“ und „Rettungsbund“ versuchen sich gegenseitig die Omas von der Dialyse wegzuklauen. Im Wort „Sterben“ stecken nicht umsonst auch die Erben. Ein durch und durch hartes Geschäft.
Gehre verzichtet - wie die Vorlage - glücklicherweise gänzlich auf jegliche politische Korrektheit. So heißt Brenners
Kollege aufgrund seiner Afromatte Bimbo, seine Liebe zu schweren Goldketten wird ihm zum Verhängnis. Der Bimbo
wird zum Bimbo, indem Alleinunterhalter, Puppenspieler und
Krankenwagenkamikazee Torben Kessler sich eine Minipli-Perücke auf den Kopf setzt. Kessler ist auch Hansi, der mit
riesigen Glasbausteinen auf der Nase leicht sabbernd mit
Brenner Diabetes-Touren fährt. Oder auch die im Samthandschuh steckende Hand der alten Frau Rupprecht. Oder auch eine sprechende Brust, die auf den Monitoren zum Leben erwacht. „Komm, süßer Tod“ arbeitet stark mit Typisierungen. Figuren werden zum Teil auf comichafte Züge heruntergebrochen, ab und an sprudelt der Trash in Form einer ejakulierenden Bierflasche. Genau das ist die große Qualität
des Ganzen: Klischees werden clever gebrochen, indem ihre
Darstellungsform so unerwartet daherkommt, dass sich eine
kaleidoskopische Perspektive auf das Bühnengeschehen
ergibt. Die Inszenierung ist weit mehr als das Nachspielen
eines Romans. Sie funktioniert als eine Art theatraler Genre-Mix. Puppenspiel, Live-Making-Of und Film vereinen sich
aufs Witzigste. Selten war Sterben süßer.
Stephanie Drees
Spenderleber zur Brotzeit Das Schauspiel Frankfurt mit Komm, süßer Tod im Puc
Süddeutsche Zeitung, Fürstenfeldbrucker Ausgabe 19./20. Oktober 2011
Es gehört schon etwas Mut dazu, ein Theaterstück des Frankfurter Schauspielhauses, das als Video-Live-Performance angekündigt ist, nach Puchheim zu holen. Leider wird dieser Mut, den Michael Kaller, der Leiter des Kulturzentrums, da an den Tag legt, nicht wirklich belohnt. Kaum zwanzig Besucher kamen am Donnerstag ins Puc, um Komm, süßer Tod nach einem Roman des Österreichers Wolf Haas zu sehen.
Dabei bekommt man Theater in dieser Art und in dieser Güteklasse nicht alle Tage serviert. Drei Männer stehen da zunächst fast teilnahmslos auf der Bühne, die aussieht, als seien gleich mehrere Kinderzimmer dafür geplündert worden. Der eine, Torben Kessler, spielt inmitten eines wüsten Sammelsuriums aus Modelleisenbahn-Inventar, Matchbox-Autos, Barbie-Puppen, Märklin-Häusern, Augustiner-Bierflaschen und sonstigem Kram fast alle Rollen, die in dem Haas-Krimi vorkommen. Der andere sorgt mit einer Videokamera für die Nahaufnahmen aus dem ganzen Verhau, die live auf zwei Großleinwänden und einem Fernseher gezeigt werden. Und der dritte liefert über ein Notebook den Soundtrack und die Geräusche zum Geschehen.
Weil der Plot nicht ganz unverzwickt ist, kann es allerdings nicht schaden, wenn man Haas’ Wiener Befindlichkeitskrimi über den Guerilla-Krieg zweier konkurrierender Krankenwagendienste ein wenig kennt. Es geht darin um die „Kreuzretter“ und den „Rettungsbund“, die sich wilde Verfolgungsfahrten durch die Stadt liefern, damit sie die Maladen als Erste aufsammeln können. Ihre Routinefahrten mit Dialyse-Patienten bezeichnen sie als „Scheißheisltouren“ und sie bringen zuckerkranke Damen um die Ecke. Zwischendurch holen sich die Sanitäter am Spital-Kiosk bei der Rosi eine „Spenderleber“ (500 Gramm Leberkäse) oder ein „Spenderherz“ (1000 Gramm Leberkäse) für die Brotzeit.
Dem Frankfurter Schauspieler Torben Kessler gelingt es wunderbar, den lakonischen Tonfall, den Haas in seinen ebenso hanebüchenen wie absurden Krimis auf die Spitze treibt, punktgenau zu treffen – ohne dabei der Versuchung zu erliegen, sich am Wiener Dialekt zu versündigen. Das Schauspiel Frankfurt hat auch noch Haas’ Roman Silentium, der im klerikalen Milieu von Salzburg angesiedelt ist, im Repertoire. Herr Kaller, übernehmen Sie! Nur Mut.
Peter Schelling
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