Kritik Lazy Crazy Money

Kritik: Lazy Crazy Money

Die Kreativität der Banker      Theaterregisseur Klaus Gehre über Spiel und Kapitalismus
Der Sonntag   18. Dezember 2011

Den Moralapostel will Klaus Gehre auf der Bühne nicht geben, stattdessen lässt der Freiburger Regisseur das Publikum in einem Mitmach-Monopoly für 360 Spieler zum Zug kommen. Im letzten Teil unserer Interview-Serie Kassensturz erklärt der Theatermacher, was wir vom Kapitalismus lernen können.

Herr Gehre, die Finanzkrise ist derzeit Thema auf vielen Bühnen im Land, auch in Freiburg. Erlebt die Kapitalismuskritik im Theater gerade ein Renaissance?
Wahrscheinlich ja, weil es ein Thema ist, über das es sich nachzudenken lohnt. Die Frage ist allerdings, wie produktiv das Theater überhaupt über Finanzwirtschaft reflektieren kann. Natürlich gibt es das Bedürfnis nach gesellschaftlicher Utopie. Aber es stellt sich die Frage: Wie kann das vital werden? Wie wird das für ein Publikum konkret? Interessant finde ich ein Stück, wenn es nicht schon alles weiß und Raum für Neues lässt.

Dennoch gehört Banken-Bashing oft zum guten Ton, nach dem Motto: dort die Bösen, hier die Guten.
Von draußen auf Dinge zu schauen, ohne konkrete Verantwortung, verführt immer leicht zum Gutmenschentum. Aber in den Chefetagen der Banken sitzen keine Idioten und Finanzprodukte sind nicht per se schlecht. Im Grunde entstehen sie meistens, weil es unterschiedliche Interessen gibt, die über das Produkt miteinander vermittelt werden, zum Beinspiel bei Termingeschäften. Aber: Theatermacher sind in der Regel keine Finanzexperten, die wissen, wie es besser geht. Deshalb muss man sehr genau über Möglichkeiten nachdenken, wie sich dieses Thema darstellen lässt.

Und kommt auf die Idee, eine Partie Monopoly mit dem Publikum zu bestreiten?
Ja. (lacht) Für ein Projekt, das im Juni ins Theater kommt, arbeiten wir gerade mit einem Game-Designer zusammen, der eine Spielewelt für 360 Spieler entwirft, ein gelebtes Monopoly sozusagen. Die Zuschauer werden für 24 Stunden zu Spielern in einer eigenen, abgeschlossenen Welt. In dieser Welt gibt es Geld, die Blüte. Um das Geld zu bekommen, muss man mit Rohstoffen handeln. Und da gibt es gute und schlechte Rohstoffe.

Bislang galt Monopoly als Kapitalistenspiel. Jetzt wollen Sie eine Fair-Trade-Version daraus machen?
Vielleicht sollten wir lieber von einer Wirtschaftssimulation sprechen. Ein Spiel, in dem die Spieler selber als Akteure in mikroökonomischen Zusammenhängen aktiv sind. Die Teilnehmer werden mit einfachen, ganz konkreten Fragen konfrontiert sein, die sich aber gedanklich auf größere Zusammenhänge übertragen lassen. Dann misst sich Nachhaltigkeit plötzlich an der Frage, ob ich um 16 Uhr schon bereit bin, darüber nachzudenken, wo und wie ich um Mitternacht schlafen werde.

Wer gewinnt?
Derjenige, der das beste Leben geführt hat. Aber was ist das beste Leben?

Das klingt nun aber doch nach einer Erziehung zum Gutmenschentum.
Wer spielt, lernt ja etwas. Das ist ja das Grandiose. Deswegen macht es doch immer so einen großen Spaß. Du spielst, weil es Spaß macht. Und weil es Spaß macht, lernst du was. Unsere Vorbereitungen haben zum Ziel, ein schönes Spiel für 360 Zuschauer zu ermöglichen, worüber sie hinterher allen erzählen. Und wenn Leute erzählen, verändern sie die Welt.

Demnach müssten Investmentbanker, die Millionen verzocken, viel gelernt haben.
Zumindest haben sie die Welt verändert. Aber im Ernst: Unkreativität kann man denen nicht vorwerfen. Auf manche Ideen muss man erst mal kommen. Das Problem ist nur, dass es da nicht mehr um Spielgeld, sondern um reale Werte geht.

Man muss die kreative Energie also einfach nur für die richtigen Dinge nutzen?
Kreative Energie schlummert eigentlich überall und sucht sich seine Betätigungsfelder – ob im Autotuning, bei Second Hand oder dem Schmücken des Tannenbaums. Das ist ja eine unendliche Ressource. Wie aber bekommt man die Energie dorthin, wo sie Gutes tut und niemandem schadet. Wie bringe ich meine Gier dazu, dass sie Nachhaltigkeit produziert? In Bezug auf das Spiel denken wir beispielsweise viel darüber nach, wie wir Begebenheiten schaffen, damit Leute ihre vielleicht versteckten oder lange nicht gebrauchten Begabungen in die Gemeinschaft der 360 einbringen können.

Gibt es auch einen wirklich realen Bezug, der über das Spiel hinausreicht oder bleibt doch alles letztlich Utopie?
Das Spiel geht zurück auf das Konzept der Regionalwert AG, die von dem Freiburger Christian Hiss vor fünf Jahren gegründet wurde. Dahinter steht die Idee, Ökolandbau über eine Aktiengesellschaft zu finanzieren. Und das ist natürlich hoch interessant, weil da kapitalistische Strukturen genutzt werden, um Probleme des Kapitalismus zu lösen. So eine Aktiengesellschaft ist ja ein hochgradig innovatives Modell: Es gibt Leute, die haben Geld, andere haben Land und wieder andere haben Bock darauf, was zu machen, haben aber weder Land noch viel Geld. Und diese drei Gruppen bringt man zusammen – zum Nutzen aller. Und darum geht es: Wir müssen Kapitalismus verstehen lernen, um ihn für unsere Ideen und Utopien nutzbar zu machen. Wir können so viel von ihm lernen. Wir müssen nur unsere Augen aufmachen.

Das Gespräch führte Julia Jacob


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