Kritik Leben und sonst gar nichts

Kritik: Leben und sonst gar nichts (DSE)

Herz an Herz      Leben und sonst gar nichts am Theater Rudolstadt
Ostthüringer Zeitung   26. September 2011

Genüsslich ein Eis verzehrend sinniert der abgeklärte Pierre Taraut über sich und den Rest seines noch kurzen Lebens. Bis zu diesem kleinen Moment des Glücks aber ist es für ihn ein weiter, schmerzhafter Weg. Als eine wilde Achterbahnfahrt durch die Gefühlslagen eines, mit seinem schweren Schicksal hadernden Mannes inszeniert Klaus Gehre Leben und sonst gar nichts − und findet für den 2009 in Paris uraufgeführten Theatermonolog von Antoine Rault surreale, teils ironische und vor allem bewegende Bilder auf der Bühne (Ausstattung: Wilfried Buchholz) und mit Live-Kamera auf der Leinwand. Am Samstag hatte die deutschsprachige Erstaufführung, gespielt von Johannes Arpe, im Schminkkasten des Theaters Rudolstadt unter viel Beifall und Ovationen Premiere.
Wenn das Stück beginnt, ist Pierre Taraut bereits tot. Per Rückblende reißt Johannes Arpe die Zuschauer in die Vergangenheit, an den Anfang der Geschichte. Pierre Taraut ist knapp fünfzig, als er die Diagnose einer unheilbaren Krankheit erhält. Zuvor war eigentlich noch alles prima, Frau, Job, Kinder. Aber wann nur ist er zum letzten Mal so richtig glücklich gewesen? Jetzt kämpft er wie ein wundes Tier um sein Überleben.
Johannes Arpe − er spielt nicht nur zahlreiche Rollen, sondern bedient gleichzeitig die Kamera − zeigt diesen Mann überraschend mürrisch, zynisch, verzweifelt, ja fast wütend. Im nächsten Moment aber säuselt er wieder sanft und fürsorglich, wenn er in Figuren wie Pierres Ehefrau oder seine Vorgesetzten schlüpft. Denn sie alle sind „so lieb“.
Pierres spontane Reise nach Wien in die Oper, eine Flucht vor den anderen und sich selbst, gerät zu einem sehnsuchtsvollen Liebes-Alp-Traum. „Tristan und Isolde“ wird gegeben. Er stimmt in den Singsang ein und sucht als Akteur nunmehr seiner eigenen Oper (Musik: Michael Lohmann) Erfüllung bei einer viel zu jungen Prostituierten. Auch die Wunderheilerin, nach einem Ärztemarathon seine letzte Hoffnung, vermag ihm nicht wirklich zu helfen. Aber durch sie begreift Pierre allmählich, dass er sein Leben endlich wieder in die Hand nehmen muss. Plötzlich geht alles wie von selbst. Er kann zum Lieblingslied seiner Frau tanzen, „Herz an Herz“ von Blümchen, den Sorgen seiner Tochter zuhören und die ihm verbleibende Zeit genießen.
Simone Meier

Kritik als pdf-Datei zum Herunterladen*