Kritik Wenn du merkst

Kritiken: Wenn du merkst, dass dein Pferd tot ist, dann steigt ab!

Der Lockruf der Geldkritik      Klaus Gehre mixt Kapitalismusreflexionen mit Western und Ritterromantik
nachtkritik   18. Januar 2012

Die Inszenierungen von Klaus Gehre sind ein bisschen wie kunstvoll gewirkte Wundertüten: Man kann vor dem Öffnen vielleicht schon ungefähr erahnen, was sich darin verbergen mag, ist aber immer wieder erstaunt über die kleinen Details und Kniffe in der Verarbeitung.
Mit zwei kongenialen Bearbeitungen der Kultkrimis von Wolf Haas um den kauzigen Kommissar Brenner hat Gehre in den vergangenen beiden Spielzeiten das Herz des Frankfurter Publikums im Sturm erobert – und das ganz ohne großes Tamtam, sondern mit Modellbauteilen und viel Pappmaché, einer Live-Kamera und der Charmeoffensive von Schauspieler Torben Kessler und Musiker Michael Lohmann.
Nun meldet sich das Dreiergespann zurück. Nicht nur das Team ist vielversprechend auch der Titel – Wenn du merkst, dass dein Pferd tot ist, dann steig ab – stimmt schon im Vorhinein vergnüglich, so dass man die stickige Luft in der Box des Schauspiel Frankfurt gerne in Kauf nimmt. Gehre hat die Messlatte mit seinen beiden fulminanten Brenner-Inszenierungen sehr hoch angelegt, und auch das auf der Homepage des Schauspiels angedeutete Thema der Kapitalismuskritik lässt wieder auf feine Gemeinheiten hoffen.
Aber Schritt für Schritt: Die Bühne wirkt wie eine chaotisch geordnete Puppenstube für große Jungs: etwas undefiniertes Gerümpel, Kleider auf einer Stange. Links, fast ein bisschen abseits und schüchtern, Lohmann an der Gitarre, rechts Gehre selbst an der Kamera, vor ihm ein Tisch mit kleinen Kostbarkeiten, die er live abfilmt und projiziert, und in der Mitte Kessler im Cowboyoutfit samt Sattel, den er über das Gestell eines Drehstuhls geschwungen hat.
Das Publikum wird von ihm mit markigen Sprüchen im Stile einer Whiskey-Werbung empfangen: "Remember the kiss of your lifetime and you already know the taste of Cassidy Whiskey!" Genüsslich haut Kessler eine Plattitüde nach der anderen heraus, und seine diebische Freude über jede noch so schiefe Idee der Werbetexter überträgt sich sofort. Aus Papier gebastelte Kakteen ziehen auf der Leinwand im Hintergrund vorbei, die Live-Musik sorgt zusätzlich für die richtige Westernstimmung.
So weit, so charmant. In einen guten Dreiviertelstunde bleibt Gehre dem Western-Motiv treu, reichert es aber mit etwas Ritterromantik und zeitgenössischen Bezügen an: Kessler ist mal Butch Cassidy und mal der Sundance Kid: Gemeinsam streiten sie sich um eine Frau. Mal verkörpert er die Frau selbst, dann schlüpft er in die Rolle des Ritters Kunibert, der seiner Geliebten den Zusammenhang von Geld bzw. Gold und Freiheit erklären möchte. Der rote Faden der Inszenierung ist der Warencharakter der Liebe und ihr Verhältnis zum Konsum: "Erst dann kannst du über so etwas wie romantische Liebe nachdenken, wenn Du nicht mehr übers Geld nachdenken musst."
Das kommt nicht nur angesichts der Theorieschlachten eines René Pollesch, die mehr als nur eine Stufe im Diskurs weiter gehen, ein bisschen brav und altmodisch daher. Was nämlich fehlt bei dieser heiteren und sehr unterhaltsamen Collage, ist das Böse und Abgründige, aber auch das wirklich Kritische. Hier wird dem Kapitalismus eben nicht, wie es der Ankündigungstext verspricht, der Garaus gemacht, genau genommen wird er nicht einmal richtig angepiekst. Zumindest nicht auf dramaturgischer oder inhaltlicher Ebene des Stückes; auf produktionsästhetischer schon eher.
Selten sieht man auf deutschen Stadttheaterbühnen Arbeiten, deren "Produkt" so wenig entfremdet scheint von den Machern. Der handgemachte Charme der Inszenierung ist viel zu verspielt und eigen, um modisch zu sein, und das macht ihre Stärke aus, hebt sie hervor zwischen der gefälligen Konfektionsware. Und dennoch: Wenn Torben Kessler nach gut einer Dreiviertelstunde dem Sonnenuntergang entgegen reitet, bleibt das leicht unbefriedigende Gefühl zurück, dass hier noch nicht alles Potential ausgeschöpft und lediglich sachte an der Oberfläche eines Themas gekratzt wurde, dessen Untiefen noch zu erforschen sind.
Einige Bilder aber bleiben hängen: Etwa Kessler als Butch Cassidy Hand in Hand mit dem Sundance Kid alias Barbies Ken. Kessler und der kleine Puppenmann wie sie in Zeitlupe eine Klippe hinunterspringen. Das ist ebenso witzig wie rührend in Szene gesetzt; effektvoller Minimalismus, der Lust macht auf mehr. Gerne möchte man die Jungs bald wieder in ihrer Puppenstube besuchen. Ein bisschen mehr Biss darf dann ruhig auch wieder mit dabei sein.
Susanne Zaun


Freiheitswunderland      Wenn Du merkst, dass Dein Pferd tot ist, dann steig ab – Klaus Gehres hinreißender Western-Abend zu Gast in Heidelberg
nachtkritik   4. Mai 2012 (Heidelberger Stückemarkt)

Dass dies ein schöner Abend wird, das weiß man schon, wenn man in den Zuschauerraum kommt. Nicht nur, dass das kleine Heidelberger Kino, das während des Theaterumbaus Ersatzspielort ist, wie geschaffen für diesen Stoff ist, der sein ironisches Pathos, seine krachenden Stoffzitate aus dem Kino bezieht. Auch der junge Mann in der Mitte, der in Cowboyoutfit auf einem gesattelten Bürostuhl im Bühnenzentrum steht, Whiskey trinkt und grunzende amerikanisch klingende Männerlaute von sich gibt, charmiert hemmungslos mit dem Publikum, bevor der Abend überhaupt begonnen hat. Links ein Musiker, der kernig-melancholische Folksongs spielt. Rechts eine gebastelte Miniaturwesternlandschaft auf Papier und ein Kameramann, der hier die geschnipselten Kakteen, Eisenbahnzüge und Westernstädtische Häuserfronten auf die Leinwand überträgt.
Und es wird auch ein wunderbar charmanter Abend, den uns Torben Kessler als Schauspieler, Michael Lohmann als Musiker und Klaus Gehre als virtuoser Multitasker, der während er die Papiermodelle bewegt, sie gleichzeitig filmt, manchmal auch die Kamera auf Torben Kessler richtet, der zwei Barbiepuppen Richtung Objektiv hält, mit der er seine Geschichte erzählt, dabei singt, spielt, reitet, mit akrobatischer Finesse gezeichnete Züge auf der Leinwand erklimmt, Banken ausraubt, Goldbarren zu schleppen versucht oder einfach im Dollarregen steht.
Da macht es auch nichts, dass nicht immer ganz klar ist, worum das Stück eigentlich geht. Wir hören von Bankräuber Butch Cassidy, oder vom Ritter Kunibert, der so gerne frei wäre und irgendwo unterwegs. Die schweren Goldbarren, die seine Freiheit unterwegs garantieren sollen, aber der Reise im Wege stehen. So erfindet er das Papiergeld, das leichte. Man ahnt, hier geht es um, die Zusammenhänge von Geld und Freiheit, Liebe und Individualität. Aber wer so hinreißend leicht und hintersinnig fröhlich die kleine Theatermaschinerie in Gang zu setzen versteht, der produziert so viel Zuschauerglück, dass man mehr von diesem Abend gar nicht will, als nur zu ahnen, was hier verhandelt wird. Weil die Freiheit, um deren Bedingungen es geht, in den Leerstellen dieses Abends fast physisch erfahrbar wird. Mehr wäre da weniger gewesen.
Esther Slevogt


Kerniger Cowboy in Kakteenlandschaft      Ein Bossler-Spaß in Frankfurts Schauspiel-Box
Frankfurter Rundschau   19. Januar 2012

Wenn man sich schon einen Spaß macht, dann soll er bitte ernstlich spaßig sein. So zum Beispiel: Auf der Leinwand fliegen schwarzweiße Kakteen vorüber, weil der Cowboy vor der Leinwand im Sattel sitzt und reitet und immer weiter reitet, und weil der andere Mann rechts am Laufband mit den kleinen schwarzweißen Kakteen kurbelt und das gleichzeitig filmt. Jetzt schiebt er einen kleinen Zug ins Bild, auf der Leinwand ist der Zug lebensgroß, und der Cowboy springt auf, und sein Hut fliegt ihm im Zeitlupentempo weg und so weiter. Der Mann links hat unter anderem einen Gitarre und macht die entsprechende Westernmusik dazu.
Der Theatermacher und Regisseur Klaus Gehre, der Musiker Michael Lohmann und der Schauspieler Torben Kessler waren in dieser Kombination am Schauspiel Frankfurt schon vor zwei Jahren mit der Wolf-Haas-Adaption Silentium zugange. Ihr neues Theaterstündchen für die Box heißt Wenn du merkst, dass dein Pferd tot ist, dann steigt ab, nach einer vom Melancholiker bis zum Managerseminarleiter gerne zitierten Indianer-Weisheit. Tatsächlich ist diese „Video-Live-Performance“ aber nicht weise, sondern der reinste Jungs- und Bossler-Streich. Er kombiniert dabei gleich zwei beliebte Kinderspiel-Sphären, den Wilden Westen und das Mittelalter. Torben Kessler lässt sich in einer zwanglos verwobenen Doppelrolle als kerniger Revolverheld und wacker fahrender Ritter in interessante Liebesgeschichten mit Barbiepuppen und Fotoprojektionen verwickeln. Wenn der Ritter wacker auf Fahrt geht, fliegen schwarzweiße Fichten vorüber, weil der Ritter vor der Leinwand fährt und fährt, und weil Gehre rechts am Laufrad mit den kleinen schwarzweißen Fichten kurbelt und das gleichzeitig filmt. Mit dem Anschauen solcher Minitricks (Uralt-Tricks bestimmt auch) kann man fast so viel Zeit verbringen wie mit dem Entwickeln derselben. Hier geht es aber immer flugs.
Zugleich ist Torben Kessler ein Märchen-Hans-im-Glück, der seinem Glück notfalls nachhilft (prächtige Explosion beim Ausprengen des Tresos). Macht Reichtum glücklich? Selbstverständlich, allerdings ist er schwer zu transportieren. Und so führt Wenn du merkst, dass dein Pferd tot ist ... ausgerechnet in diesen Tagen den Nachweis, wie ungemein praktisch Geld gegenüber Gold ist. Und wie uns genau das hineingeritten hat ins Unglück. Und wie Geschäftssinn zwar erfolgsversprechender ist als ein noch so schöner Liebestraum, der Reiter aber ewig reitet. Okay.
Jedoch bleibt alles federleicht wie die Papierkulissen auf Klaus Gehres Arbeitstisch. Und will nicht anders und schon gar nicht klüger sein.
Judith von Sternburg


Mit Barbie-Puppe durch den Wilden Westen      Wenn du merkst, dass dein Pferd tot ist, dann steig ab: Klaus Gehres Stück in der Schauspiel-Box Frankfurt spielte den Film Butch Cassidy und Sundance Kid nach, gewürzt mit Ritter Kuniberts Liebes-, Geld- und Glücksphilosophie
Neue Frankfurter Presse   19. Januar 2012

Den berühmtesten Moment des Filmwesterns von 1969 mit Paul Newman, Robert Redford und Katharine Ross lässt sich Gehres 50-Minuten-Inszenierung entgehen: kein Sprung ins finale Film-Standbild – aus dem umstellten Haus vor die Gewehre der Militärs. Dabei hat besagter Sprung die Film-Bankräuber im Liebesdreier mit der Lehrerin Etta vollends unsterblich gemacht.
Als Solodarsteller in Wenn du merkst ... hat Torben Kessler es schwer mit solchem Pathos, da er die beiden Nebenhelden an seiner Seite mit Barbiepuppen und Fotozauber ersetzen muss, so auch beim Sprung von der Klippe ins Wasser: mit dem blonden Barbie-Sundance an der Hand. Komischer Anblick.
Es triumphieren eben Ironie und „arme“ Regiemittel als Stilprinzip. Das setzt Kessler soeverän um und durchwebt es in den Ritter-Kunibert-Passagen so intellektuell mit Reflexionen über Gold, Glück und Liebe, dass ihm und den Machern eine kurios philosophische Western-Anverwandlung in und an den Geist Frankfurts glückt. Kein großer Wurf, aber: charmant gemacht.
Kessler legt in Cowboy-Aufmachung auf festgeschraubtem Sattel reitend und singend los, wobei er sich dem Western-Feeling durch „Saccidy-Whiskey“-Werbesprüche annähert. Der Raum um ihn ist ein eher virtueller: Gehre (auch Bühne, Video) zaubert ihn mit Hilfe zweier Kameras, einer Leinwand, einer Projektionsfläche und eines Tischs voller Kakteen, Wegweiser, Union-Pacific-Waggons und so fort aus Papier in eine bewegte, überblendete Erzähllandschaft rein, der Michael Lohmann noch Lieder zu Gitarre und Blockflöte zugibt. Das Team verknüpft die Wildwest-Bankräuber mittels des Kinderbuch-Ritters Kunibert mit einer Suche, die sich eigentlich auf Liebe, Freiheit und finanzielle Unabhängigkeit richtet, aber bei Wesensfragen nach Papiergeld und Geldwert landet. So kapitalismuskritisch also ist Butch Cassidy und Sundance Kid. Aha.
dek


Bastelarbeit mit Barbie-Puppen      Wenn du merkst, dass dein Pferd tot ist, dann steig ab als harmloses Kapitalismus-Kabinett in der Schauspiel-Box
Offenbach Post   19. Januar 2012

Das Theater als Bastelarbeit. „Video-Live-Performance“ nennt der Regisseur Klaus Gehre seine Hervorbringungen gern. In der Box, der ins Foyer des Frankfurter Schauspiels gesetzten Barackenbühne, hat er eine schwarzweiß gezeichnete Filmkulissenwelt en miniature aufgebaut. Die umkreist er mit Videokameras; die Bilder dienen als Hintergrund für ein Solo des Schauspielers Torbem Kessler, einem bewusst technisch primitiv gehaltenen Animationsfilm gleich.
Die Geschichte ist unkompliziert. Das Motiv ist eine Reise an die Ursprünge des Kapitalismus. Der zum Titel gewählte Spruch Wenn du merkst, dass dein Pferd tot ist, dann steig ab lässt einen Bezug auf Mythenwelten – jene des Wilden Westens mit einem Schwenk ins Rittertum – schon vermuten. Zunächst scheitert ein Zugüberfall des Gangsters Butch Cassidy kläglich. Der Raubritter Kunibert vermeint mittels Anhäufung von Reichtümern sein Glück zu erlangen. Doch ist der Wohlstand erst einmal erreicht, ist kein Ziel, um das es sich zu kämpfen lohnen würde. Zudem erweisen sich die Goldbarren – die eigentlich ein gutes Leben allerorten ermöglichen sollten – beim Aufbruch in ferne Städte mit dem holden Fräulein Amalie ob ihres Gewichts als hinderlich. Papier könnte Abhilfe schaffen – sofern es gelingt, alle glauben zu machen, dass es als Repräsentant für das Gold steht. Liebe ist, woran ein auf La Rochefoucauld zurückgehendes Zitat auf dem Programmzettel erinnert, genauso eine Konstruktion wie Geld.
Kakteen bestandene Landschaften ziehen vor Zugfenstern vorbei. Der Raubritter zieht durch den Wald. Butch Cassidys Kumpan Sundance Kid und seine Geliebte Etta werden mit Barbiepuppen dargestellt. Von der Seite her steuert Michael Lohmann an der akustischen Gitarre den Soundtrack bei. Toben Kessler erweiset sich in einigen eingestreuten Songs, die den kaum eine Stunde dauernden Abend nicht gleich zum Musical machen als brauchbarer Sänger.
Keine große Sache ist das, alles liebevoll gemacht. Es ist zwar weder aufregend noch sonderlich erhellend, aber leidlich humorig. Mag man dem Trio auch nicht böse sein, ist doch eine gewisse Harmlosigkeit zu bescheinigen. Als ins Stadttheater implantierte Off-Bühne vermag die Box derlei zu ertragen. So lange genügend Spaß daran haben.
Stefan Michalzik


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