Regie und Theater
Der Sturm kommt aus der Gießkanne Klaus Gehres Projekt Remake: Fluch der Karibik hatte auf der Kammerbühne des Freiburger Theaters Premiere
Badische Zeitung 17. September 2011
Remake: Fluch der Karibik, so der Titel der neuesten Produktion des Theaters Freiburg (Text, Regie, Bühne und Kamera: Klaus Gehre), der den Jack-Sparrow-Fans das Herz höher schlagen und den Zusatz "Finanzpiraten des 21. Jahrhunderts" erst einmal verdrängen lässt. Und richtig, entdeckt der Kenner auf der Kammerbühne doch gleich eine Reihe von Filmsets, wenn auch ganz anders als gedacht. So ist auf einem langen Holztisch eine rotzig zusammengebastelte, wimmelige Miniaturwelt in Modelleisenbahnmanier aufgebaut: Port Royal ist hier ein modernes Hafenstädtchen aus Pappehäuschen, in kleinen Guckkastenkartons sind Tortuga-Piratenkneipe und Goldhöhle von Isla de Muerta in Szene gesetzt, von der Decke baumelt die Black Pearl als Segelschiffmodell. Eine Figurentheaterbühne, die der Schauspieler André Benndorff in den folgenden knapp 90 Minuten furios zu bespielen weiß.
Schon hängt Elisabeth Swann als kleines Püppchen in der Takelage, schon trudelt das Floss mit dem ohnmächtigen Will Turner durch die Luft, schon hat der Fluch des Aztekengoldes alle in seinen Fängen. Mit rasanten Orts- und Rollenwechseln wirbelt Benndorff nun als Erzähler, Schau- und Figurenspieler um und unterm Tisch herum, während Klaus Gehre immer mitfilmt und die Geschichte in Übergröße auf ein Leinwandsegel projiziert. Die Mittel sind dabei so einfach wie genial: Commodore Norrington ist ein Nussknacker, aus Strickfingerpuppen werden Piraten und Soldaten, der Sturm kommt aus der Gießkanne, ein grün veralgtes Aquarium gibt die Unterwasserszenen. Mit zerzauster Perücke oder Buchhalterbrille verwandelt sich Benndorff in Elisabeth oder Will. Seine ledergewandete Hand verkörpert dabei geziert den schlitzohrigen Käptn. Die Vorgeschichten um Barbossa oder Stiefelriemen Bill bringen Kameramann und Schauspieler als Schattentheater hinter die Leinwand. All das funktioniert großartig, ist wild verspielt, originell und sehr witzig, auch oder gerade weil im eigenen Kopfkino die Filmszenen parallel laufen.
Wenn da nicht die Finanzpiraten wären ... Denn immer öfter wird die Geschichte unterbrochen und werden Vergleiche zwischen Piraten- und Finanzwelt gezogen. Die hinken auf allen Holzbeinen und wirken trotz Holzhammer-Agitation so unpassend wie bemüht. Denn was hat Raubein Barbossa mit einem Josef Ackermann zu tun, was der Traum von Freiheit mit dem Banker-Zockertum? Die Botschaft bleibt nebulös, Jack Sparrow ist bei aller anarchischen Amoralität unser Held. War ja klar!
Marion Klötzer
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