Regie und Theater
Silentium – Der Brenner ermittelt wieder
Journal Frankfurt 21. November 2010
Kriminalität ist tatsächlich ein Ärgernis, vor allem für den bräsigen Privatdetektiv Brenner, der nach Salzburg gerufen wird. Denn im katholischen Knabeninternat sind dunkle Gerüchte im Umlauf: Der Aspirant auf den Salzburger Bischofsposten soll einst einen Klosterschüler missbraucht haben. Diese Gerüchte gilt es zu beseitigen. Allerdings gehört es nicht zu den Eigenschaften des kauzigen Brenners, dass seine Interventionen Klarheit schaffen, vielmehr werden seine Fälle mit der Zeit immer komplexer. Die von Wolf Haas geschaffene Kultfigur denkt sich stets in hartnäckiges Schädelweh hinein und löst Probleme, die es vorher nicht gab. So auch in Silentium, das der Regisseur Klaus Gehre nun in der Box des Schauspiels zeigt. Schon 2009 hat er hier einen Brenner-Krimi inszeniert, Komm, süßer Tod. In der Fortsetzung rückt Brenner nicht nur dem Klerus, sondern auch den Salzburger Festspielen auf den Leib. Fulminant und charmant spielt Torben Kessler in der Video-Live-Performance alle verfügbaren Rollen mit minimalem, aber effektvollem verkleidungstechnischen Aufwand. Denn vor allem ist Kessler eins: Ein wunderbarer und bescheidener Erzähler, der fast verschwindet hinter seiner Geschichte, während Gehres Kamera flugs Räume und Bilder schafft, die vor den Augen der Zuschauer produziert werden und doch seine Verstrickungen und Versenkungen in den Fall, das seltsame Gemüt des Brenners und die philosophischen Betrachtungen des Erzählers noch vertiefen. So schafft das Trio mit Musiker Michael Lohmann wieder eine eigenwillige und höchst theatrale Form der Romanadaption. Nicht nur die Kirche, auch das Theater hat Dreck am Stecken.
Esther Boldt
Neuer Fall für Detektiv Brenner im Schauspiel
Offenbach Post 21. Oktober 2010
Die Box des Frankfurter Schauspiels ist ein Ort der Nettigkeiten. Diese enge, ins untere Foyer hineingesetzte Baracke ist ein geschützter Raum des Ausprobierens und der spielerischen Fantasie. Es braucht nicht immer gleich relevant zu sein, was an dieser in das "große" Theater implantierten Off-Bühne entsteht. Da pulsiert das frische Theaterblut, der Zuschauer soll sich unterhalten fühlen. Mag die Sache im Einzelnen auch plänkelig sein, so gilt der Existenz dieser immer stickigen Bude eine grundsätzliche Sympathie.
Ein Filmset en miniature ist diesmal aufgebaut: Das mit einer Kamera aufgenommene Geschehen wird auf Bildschirme und eine Leinwand projiziert. Silentium ist nach Komm, süßer Tod der zweite Brenner-Krimi des österreichisches Schriftstellers Wolf Haas, den der Regisseur Klaus Gehre für die Box inszeniert hat. Wäre der Roman heute entstanden, hätte man Haas ein Schielen nach dem medialen Zeitgeist vorgeworfen, doch er ist schon 1999 veröffentlicht worden.
Privatdetektiv Brenner ist engagiert worden, um Gerüchten um das Marianum, ein katholisches Knabeninternat in Salzburg, nachzugehen. Es ist die Geschichte über Missbrauch, sexuelle Ausbeutung und Frauenhandel unter dem Deckmantel der Kirche, die sich auftut, mitsamt Verbindung zu den Festspielen, denen im Wettbewerb um zugkräftige Weltstars widerwärtigste Mittel recht sind. Schauspieler Torben Kessler ist die tragende Säule der als "Video-Live-Performance" firmierenden Theaterarbeit. In perücken-, brillen- und bartgestützter komödiantischer Weise lässt er erzählend einen Figurenkosmos erstehen, filmmusikalisch begleitet von Michael Lohmann an Laptop und Gitarre. Das ist im Einzelfall durchaus amüsant, und es kommt der Sprache und Erzählweise von Haas entgegen. Bonsai-Welten wie die Inszenierung der Miniatur-Filmsets regen natürlich immer die Bereitschaft zum Schmunzeln an. Doch lässt sich von einem schwarzen Schmunzeln sprechen. Der Ernst des Motivs, der Schrecken, geht darüber nicht verloren.
Stefan Michalzik
Ganz großes Flohmarktkino Das Schauspiel Frankfurt setzt mit Silentium im Häfler Kiesel Maßstäbe in Sachen Originalität
Südkurier 26. Januar 2012
Ich habe den Film nicht gesehen. Ich habe das Buch nicht gelesen. Ich habe es geschenkt bekommen und weiterverschenkt, weil ich keine Krimis lese. Aber egal. Auf das, was an diesem Abend passiert, kann man sich sowieso nicht vorbereiten. Bei dieser Liveversion des Erfolgskrimis Silentium von Wolf Haas ist es wurscht, wer warum der Mörder war. Worum es geht, ist der Wagemut des Schauspiels Frankfurt. Diese Bühne riskiert im Kiesel Kopf und Kragen – oder doch die Köpfe von Regisseur/Kameramann Klaus Gehre, Geräuschemacher Michael Lohmann und Schauspieler Torben Kessler. Das Trio zieht ein Multimedia-Performance-Puppentheater ab, das mit althergebrachtem Theater kaum noch etwas zu tun hat und alles einbaut, was die Experimentierkiste hergibt. Das Publikum könnte mit Versteinerung reagieren – aber es geht begeistert mit.
Die Bühne sieht aus wie ein Flohmarktstand: Lauter Nippes auf einem roten Tisch, vom gekreuzigten Messingjesus über den kurbelbetriebenen Fleischwolf bis hin zum Krimskrams aus dem Puppenhaus ist alles vorhanden. Dass Schauspieler Torben Kessler vor erst drei Wochen begonnen hat, sich das Gewirr der Rollen draufzuschaffen, die er zu bewältigen hat, vermehrt das Durcheinander noch: Von hier nach dort trägt er seinen Textstapel, den er im Grund doch nicht braucht und von dem jene Blätter auf den Boden segeln, mit denen er durch ist.
Kessler ist der vom Leben mitgenommene Kommissar Brenner und der Fall, in dem er in Salzburg ermittelt, ist so unübersichtlich verwirrend wie das chaotische Bühneninventar: Es geht um sexuellen Missbrauch in einem katholischen Internat; um eine Leiche, die in 23 Plastiktüten entsorgt wurde; um diverse weitere Leichen, die im Verlauf noch anfallen – mal geschnetzelt, mal am Stück.
Bevor aber auffliegt, dass das saubere Internat mit dem noblen Festspielhaus einen Puff hochgezogen hat, muss Kessler nicht nur Brenner seine Stimme leihen: Er ist Erzähler und Möchtegernsängerin, Witwe und Obdachloser, Missbrauchsopfer und Vergewaltiger, ist Kleinkrimineller mit gutem Herzen und Erzieher mit Hasenscharte. Die Glanzrolle aber kommt Kesslers sprechender, haariger Bauchwulst zu, in die ab und zu ein Schluck Bier gekippt wird: Sie ist die speckige Gesichtspartie des Vizechefs der Salzburger Festspiele – und schauderhaft ist das (mühsam zusammengekratzte) Speckfaltengesicht, weil es wie alles andere an diesem Abend von Klaus Gehres Livekamera auf die große Leinwand übertragen wird. Die Dimensionen der kleinen Nippeswelt verschmelzen so mit der des realen Schauspielers; das Kleine wächst zur Lebensgröße heran – das passt zur Aufgabe des Kommissars, im fast Übersehenen die große Bedeutung für den Fall aufzuspüren.
Im Kiesel trifft die Welt des Hobbyfilmers auf Opas Modelleisenbahnkosmos, und mit der Lust eines Kindes, das die phantasietötende Vernunft der Eltern aussperrt, wird daraus innovatives Kino getüftelt – ein schräger Untergrundfilm, der seinen Witz aus einer Kluft bezieht: Hier die gelungenen Effekte auf der Leinwand, dort die stets sichtbaren Mühen, die unternommen werden, um sie vor dem Auge der Kamera hinzutricksen. Da ist etwa jenes Symbolbild einer übervollen Mülltonne auf grüner Wiese: Immer schneller dreht sich die Kamera um diesen Schandfleck, und schwenkt schließlich auf die Skyline von Salzburg. Tatsächlich ist alles aber ganz anders: Klaus Gehre richtet die Kamera auf ein senkrecht stehendes Brett, auf das die Wiese, die Tonne, der Müll in Modellgröße aufgeklebt sind. Er dreht das Brett im Kreis und kippt es schließlich nach hinten, in die Horizontale – wo die besagten Salzburger Kirchtürme sichtbar werden, gerade mal zehn Zentimeter hoch. Diese Inszenierung arbeitet so, wie nicht einmal Lieschen Müller sich die Traumwerkstatt heute noch vorstellt – und je digitaler die Filmwelt wird, aus der selbst die greifbaren Kulissen verschwinden, desto mehr Charme hat im Kiesel diese improvisiert wirkende Findigkeit, bei der jede Kleinigkeit genau ausgearbeitet ist, jeder Kram an seiner Stelle liegt. Gelegentlich hängt er aber auch, so wie jener Pulk von Barbiepuppen, der unter der Tischplatte baumelt: Torben Kessler zupft ein wenig an den Schnüren, und schon verwandeln sie sich für die Kamera in tanzende Schickimicki-Tussis.
Sogar eine Opernszene wird eingebaut, und man begreift, warum eine Hand von Torben Kessler rot lackierte Nägel hat: Er legt beide nebeneinander auf zwei abgerundete Holzleisten, spricht dann einen Dialog mit hoher und mit tiefer Stimme – und fertig ist für die Kamera, die nur die Hände auf den abgesägten Sessellehnen filmt, Brenners verstohlenes Gespräch mit einer jungen Witwe bei der Aufführung von Don Giovanni – übrigens der Ouvertüre. Fachfremden erklärt der Erzähler eine Ouvertüre so: „Die meisten Opern haben vorne ein Stück, wo noch nicht gesungen wird.“ Klingt nach dem Understatement eines Kenners; dasselbe Understatement, mit dem das Trio im Kiesel eine skurrile Glanzleistung auf die Bühne bringt, die gelingt, weil es vom Theater und vom Filmemachen genug versteht, um alle Routinen fahren zu lassen.
Harald Ruppert
Nötigung im Jungeninternat Bei der Uraufführung von Wolf Haas’ Silentium in der Box des Schauspiel Frankfurt verliert sich die Krimihandlung zwischen Theater und Video
Frankfurter Neue Presse 21. Oktober 2010
Wer hätte gedacht, dass die Wirklichkeit den vor rund zehn Jahren geschriebenen Roman von Wolfgang Haas dermaßen einholt? In dem Krimi Silentium geht es um den Vorwurf der sexuellen Nötigung an einem katholischen Jungeninternat. Nur wird der ehemalige Schüler, der den Leiter des Internats bezichtigte, kurz darauf in mehrere Teile zerlegt aufgefunden. Und da Silentium in Salzburg spielt, deckt Detektiv Brenner bei seinen Nachforschungen auch noch Mauscheleien mit den Salzburger Festspielen und einen Mädchenhandel auf. Ein schöner Sumpf also, der im Schauspiel Frankfurt auf einem Tisch, der als Bühne dient und die Schauplätze im Miniaturformat abbildet, ausgebreitet wird. Davor, dahinter und bisweilen dazwischen Torben Kessler, der nicht nur Brenner ist, sondern sich auch noch tapfer durch ein Dutzend weiterer Rollen spielt: Frauen wie Männer, mit Akzent oder Sprachfehler und ohne, mal unter Einsatz seiner Körperteile und mal unterstützt von Barbiepuppen.
Klaus Gehre, der in der vergangenen Spielzeit mit Torben Kessler Komm, süßer Tod nach dem gleichen Prinzip inszenierte, hat auch diesmal wieder die Bühne entworfen und filmt live mit der Videokamera. Er zoomt immer wieder heran, zeigt in Großaufnahme, was in dieser Playmobil-Welt auf dem Tisch zu klein wäre. Lustiges und Grausliches: einen Flirt in der Oper als Handtheater oder die Philosophie der blauen Plastiktüten. Dennoch verliert sich in der reichlich warmen Bühnen-Box bei gefühlten 40 Grad rasch die Spannung bei dem Versuch, der Handlung zwischen Video, Miniaturwelt und Schauspiel, zwischen Spurensuche und Reflexionen Brenners zu folgen. Irgendwann fällt der Satz: "Das Beste an der Langeweile ist, dass sie immer größer wird, je mehr die Menschen dagegen erfinden."
Auch bei dieser Uraufführung sieht es so aus, als hätten sich alle redlich bemüht, viel zu erfinden. Aber es wirkt nicht.
Astrid Biesemeier
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