Regie und Theater
„Ich könnte verrückt werden“ Leipziger Volkszeitung 25. Mai 2007
Kevin lehnt an der Wand. Nahezu regungslos ist er, ein eloquenter Zyniker, ein Untertan mit Machtbefugnis, der sich entschieden hat. Das Tier im Käfig heißt Homer. „Ich verstehe die Sekunde nicht“, sprüht er an die Wand, „diese endlose Fortsetzung, die Zukunft genannt wird.“ Später hängt die Tapete in Fetzen, die Verzweiflung mündet in Verweigerung, nicht das einzig Mögliche, aber das einzig richtige Nein. Die beiden Männer, der Ex-Führungsoffizier und sein ehemaliger Informant, warten auf den unbekannten Dritten, eine personifizierte Ambivalenz aus guter Absicht und bösen Mitteln. „Wir haben nicht mehr viel Zeit, den Menschen neu zu programmieren. So wie es ihn heute gibt, wird er nicht mehr lange existieren“, sagt er.
Armin Petras’ Stück Mala Zementbaum ist in Form wie Inhalt Experiment, geschrieben ohne Punkt und Komma. In der Reihe Texte zur Sache, einer Kooperation von Schauspiel Leipzig und Leipziger Volkszeitung, folgte am Mittwochabend der einstündigen szenischen Lesung eine Diskussion mit Chefdramaturgin Heike Müller-Merten, dem künstlerischen Leiter der Aufführung, Klaus Gehre, sowie dem Psychoanalytiker Hans-Joachim Maaz, moderiert von Redakteurin Gisela Hoyer.
Klaus Gehre geht weit über das Nötige hinaus. Die Bühne vor der schrägen Wand aus tapezierten Matratzengestellen wird vom Hotelzimmer zum Gefängnis. Wechselnde Lichtstimmungen markieren Gegenwart oder Vergangenheit, überlagern sich in einer Lichtorgel der Wahrheitsfindung. Später rahmt das Zwielicht des Abendhimmels den Raum unter der Kuppel des LVZ-Gebäudes. Als Requisiten genügen ein paar Decken, Reisetasche, Handschellen. Günter Schoßböck als Kevin trägt buntes Hemd zur grauen Hose. Carolin Conrad ist im roten Kleid mal fremde Frau, mal Homers frühere Freundin. Berndt Stübner wagt als Mann im feinen Zwirn eine kleine Honecker-Parodie. Susanne Stein als Erzählerin berichtet auch von Mala Zementbaum, jenem Gleichnis, das sich später als Erfindung herausstellt. Jörg Malchow, im Ledermantel, ist Homer, dessen Rolle auf der Biografie des Schauspielers Thomas Lawinky basiert.
Der hat in der so genannten Spiralblock-Affäre einem Kritiker der FAZ im Zuschauerraum den Block entrissen, war daraufhin aus dem Ensemble geflogen und hatte sich, als sowieso alles aus den Fugen war, als Stasi-IM, Deckname Beckett, geoutet. Um diese Verstrickung geht es, um Macht und Ohnmacht und Entscheidungen. Ob das Autorenteam Petras/Lawinky Verklärung, gar Verharmlosung riskiert, ist eine der nicht zu beantwortenden Fragen, um die die Diskussion kreist, zu der nicht alle der gut 100 Zuschauer bleiben.
Lawinky fühlte sich, sagt Heike Müller-Merten, wohl ähnlich ohnmächtig und gedemütigt wie damals, während der Armeezeit, als er nach wilder Rebellion zu einem Teil jenes Systems wurde, das die einen zu den Akten wünschen, andere für fahrlässig unzureichend aufgearbeitet halten. „Ich erlebe die DDR im Vergleich als wesentlich harmloser als die heutigen Verhältnisse. Und als viel schlimmer“, bleibt Hans-Joachim Maaz zunächst vage. Jedenfalls systemübergreifend sei die „Angst ein wesentliches Element unseres Lebens“. Der Kenner der ostdeutscher Seelenlagen (Gefühlsstau. Ein Psychogramm der DDR) und in Halle praktizierende Therapeut verweist auf den Sinn der Angst als Signal, als Orientierungshilfe im Leben. Problematisch werden erst die Nöte im Ungleichgewicht. Ein Kind brauche Beziehungen statt Erziehung, provoziert Maaz, Autoritäten statt eines autoritären Systems. Die Entfremdung von sich selbst führt zur permanente Angst, deren Unterdrückung an das sprichwörtliche Pfeifen im Wald erinnere. An genau dieser Stelle der Selbstunsicherheit sei jeder Mensch verführbar, erpressbar auch.
„Die autoritäre Welt soll für immer verschwinden, dazu muss man unblutig eingreifen in die Struktur der Psyche.“ Sagt der Mann im Stück, nicht Maaz. Doch auch der sieht in „dieser Geschichte von uns allen − wer kein Denunziant ist, möge die Hand heben − aufgestaute Gefühle gegen die Verhältnisse, in denen zu leben wir genötigt werden. Ich könnte verrückt werden unter dem Gedanken, dass wir eigentlich die Menschen verändern müssen, und wir können es nicht. Die Welt, wir können sie nicht retten.“
„Für Probleme, die nicht zu lösen sind, gilt immer: Die beste Geschichte wird am meisten geglaubt“, schreibt Petras. Dass die ungesundesten Machtstrukturen die erfolgreichsten seien, findet Müller-Merten. Für Maaz liegt der Schlüssel in der „Qualität der sozialen Verhältnisse. Soziale Anpassung durch eigene Leistung, das ist das seelische Brot.“ Indem das Stück beim Wort genommen wird, weitet sich die Diskussion ins Grundsätzliche, in Vergewisserungen der eigenen Geschichte. „Das reißt mich hin und her“, sagt eine Zuschauerin. Und meint auch den zweiten Schluss. Denn anders als bei Petras, wo die Jüdin Mala Zementbaum mit ihrem Geliebten, Edek Galinski, aus dem KZ fliehen kann, gerettet und doch ihres Glücks beraubt durch eine kleine Lüge, erzählt Klaus Gehre die wahre Geschichte von Mala Zimetbaum, deren Flucht mit Edward Galinski scheiterte. Damit folgt das Schauspiel dem Anliegen Petras’, Geschichte(n) zu hinterfragen. Auf der großen Bühne hätte Mala Zementbaum ihrer Meinung nach keine Chance, sagt die Chefdramaturgin, „das Stück verweigert sich schneller Analyse“. Umso wichtiger ist es.
Janina Fleischer
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