Regie und Theater
Schau-Bühne: Spielen und Sehen Wo sucht der Mensch Hoffnung? − Chemnitzer Theater bietet an zwei Tagen drei Premieren mit Urfaust am Ende
Freie Presse 5. Oktober 2009
[...] In dem herunter gekommenen Block am Rande des Friedhofs bleiben nur Reste, winzige Reste einer Hoffnung inmitten der Brutalität eines perspektivlosen Daseins. Das Stück von dem Russen Wassilij Sigarew (deutsche Übersetzung von Alexander Kahl) ist in lebendiger Sprache geschrieben, von eigener Poesie, die das Szenische nachgerade herausfordert. Und so wird gespielt, was das Zeug hält, bis zur Zerreißprobe. Klaus Gehre führt Regie, punktgenau bilden die Darsteller Charaktere. Bernhard Conrad, Yves Hinrichs, Daniela Keckeis, Julia Berke, Klaus Schleiff und Karl Sebastian Liebich − sie bekommen großen Beifall für gutes Theater. [...]
Reinhold Lindner
Goethes Urfaust kurz und schmerzhaft Großes Premieren-Wochenende im Chemnitzer Schauspielhaus
Chemnitzer Morgenpost 5. Oktober 2009
[...] Auf der Kleinen Bühne wird zweifach, aber total verschieden über den Schwebezustand Mach-was-aus-deinem-Leben verhandelt: „Alles wird gut“ teilt Dima sich mit Lera sein vielleicht letztes Fünkchen Hoffnung, bevor er nach Tschetschenien geht. Das Stück Ladybird (Marienkäfer, deutsche Erstaufführung) von Wassilij Sigarew ist ein düsteres Seelengefecht zwischen lebenden und toten Generationen. Verflochten mit Ereignissen, die sich vor unser aller Augen abspielen. Eine eindringliche Inszenierung, drastisch zugespitzt. [...]
Ch. Hamann-Pönisch
Gemischte Gefühle
Säschsiche Zeitung 5. Oktober 2009
[...] Noch mal ganz anders präsentierte sich das Chemnitzer Ensemble mit der allerersten Spielzeit-Premiere am Freitagabend. Zur deutschen Erstaufführung von Ladybird geht es gnadenlos düster zu. An einem gottverlassenen Ort suchen die Menschen nach irgendeinem Sinn. Lera hat einen dieser Sie-haben-gewonnen-Briefe bekommen und glaubt an ihr Glück, Slawik glaubt an den nächsten Schuss. Und Dima glaubt gar nichts mehr. Er verkauft die Grabplatten des nahen Friedhofs, um über die Runden zu kommen. Aber ganz tief drin hat dieser Typ ein großes Herz, das Bernhard Conrad nach und nach freilegt – auch dank eines kleinen Marienkäfers, der so gar nicht in diese Tristesse passt. So bekommt die gradlinige Inszenierung von Klaus Gehre zunehmend mehr Tiefe. Aus dem gelangweilten Treffen heruntergekommener Gestalten wird endlich eine Geschichte, die interessiert. Und sie eskaliert, als eine durchgeknallte Göre aus besserem Hause an dem stumpfsinnigen Dasein rüttelt. Am Ende ist das Publikum sichtlich berührt.
Jenny Zichner
Nicht-Leben im Übergang Schauspielhaus Chemnitz brilliert mit deutscher Erstaufführung von Ladybird
ad.rem Die unabhängige Hochschulzeitung in Sachsen 21. Oktober 2009
Es ist ein traurig-schauriger Ort, an dem sich die Figuren des Stückes Ladybird treffen. Eine Wohnung in einem russischen Plattenbau, gelegen in einer russischen Trabantenstadt in direkter Nachbarschaft zum Friedhof. „Die Lebenden und die Toten“ wird das Haus ob dieser Nachbarschaft genannt. Seine Bewohner sind Menschen in der Zwischenwelt: Der junge Dima (die Inszenierung tragend als eigentlich schon toter Lebender: Bernhard Conrad) verbringt seinen letzten Abend zu Hause, bevor es ihn als Soldat in den Tschetschenienkrieg zieht. Lera (vielleicht etwas zu jung besetzt mit Daniela Keckeis) träumt von einem Millionengewinn und fällt doch nur auf einen ihr unbekannten Gewinnspielschwindel herein. Der etwas zwielichtige Arkascha (Karl Sebastian Liebich) strahlt leichtsinnige Brutalität aus. Der drogensüchtige Slawik (überzeugend: Yves Hinrichs) ist da, die scheinbar züchtige, sich später als Biest erweisende Julka (gekonnt wechselnd zwischen Maria und Magdalena: Julia Berke) und schließlich Kuljok, Dimas deliriöser Vater (sehr zurückgenommen: Klaus Schleiff).
So richtig am Leben ist von diesen Figuren keine, der titelgebende Marienkäfer verbreitet Hoffnung nur ansatzweise. Es ist ein schmaler Grad zwischen gestern und heute, zwischen selten glücklicher Vergangenheit und ungewisser Zukunft. Der in seiner Heimat Rußland fast verfemte, im Westen freundlich aufgenommene Wassilij Sigarew zeigt Menschen in einer Übergangsgesellschaft (treffend versinnbildlicht im Bühnenbild vom Dresdener Thomas Weinhold), Klaus Gehre bringt ihre Leitfiguren als deutsche Uraufführung in einer fast vollständig stimmigen Inszenierung auf die Kleine Bühne im Chemnitzer Schauspiel.
Volker Tzschucke
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