Kritik Fluch der Karibik

Kritiken: Fluch der Karibik (Ltd.)

Man nehme ...      MDR Figaro   29. April 2009

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Ulrike Lange


Johnny Depp in klein      Leipziger Volkszeitung   28. April 2009

Piraten räubern vor der Küste Somalias. Und sie treiben online ihr Unwesen, in der Pirate Bay. Die Leipziger Theatermacher Torben Kessler und Klaus Gehre spüren in ihrer Puppen-Adaption des Hollywood-Blockbusters Der Fluch der Karibik die Totenkopf-Räuber jedoch vor allem im legalen Wirtschafts-Kreislauf auf.
Torben Kessler: ein Schauspieler, der sich in der letzten Spielzeit Wolfgang Engels mit einprägsamen Bildern im Gedächtnis des Leipziger Theaterpublikums eingebrannt hat. Zum Beispiel als Anabolika-Cocktail saufender Sportler, als arroganter Jason im weißen Anzug und besonders im Solostück Fup the Duck, das wegen seines Erfolges nach dem Ende der Engel-Intendanz in die Off-Szene hinüber gerettet wurde.
Nun will Käptn Kessler Leipzigs Freie Szene so richtig erobern und hat die Flagge gehisst: die Totenkopf-Flagge. Morgen ist im Lofft Premiere seiner ungewöhnlichen Adaption des Johnny-Depp-Blockbusters Der Fluch der Karibik. Geschrieben hat sie Klaus Gehre, Initiator und Regisseur des Projektes und Steuermann der Kamera während dieser „Live-Film-Performance“, wie er die Sache nennt. Der Dritte im Boot ist Schiffskoch Michael Lohmann, der in der DJ-Kombüse nach eigenem Rezept zubereitete Musik und gut abgeschmeckte Hintergrund-Geräusche serviert.
Kessler erzählt die Piraten-Geschichte aus seinem Blickwinkel, deutet zwischendurch mimend eine der vielen Personen an, kommentiert das Geschehen und schlägt Brücken zum Heute. Er thematisiert die Mechanismen der Wirtschaft, stellt die Frage nach der ethischen Verantwortung von Unternehmern und Konsumenten. Nicht trocken vorgetragen, sondern als humorvolles Spiel mit einer Fülle von Figuren und Requisiten, die der Solist auf vielfältige Weise bedient, während er, von der Kamera verfolgt, zwischen Podesten wandert. Bis ins Detail ausgearbeitete Schiffsmodelle und Miniaturstädte, sprechende Nussknacker und Mutter Lohmanns handgestrickte Fingerpuppen kommen zum Einsatz. Das kaum Sichtbare wird mittels Technik übertragen.
Der Zuschauer muss sich entscheiden: Torben Kessler in Aktion bestaunen? Oder die kleinen Protagonisten auf der Leinwand betrachten? Was in der Originalvorlage verschmolzen ist, wird hier in zwei Ebenen geteilt. Die Dramatik wird zum einen live in den realen Raum zurückgeholt, zum anderen verbleibt sie im indirekten Medium der bewegten Bilder. Gleichzeitig findet das Film-Machen auf der Bühne selbst statt, wird offen gelegt und so das Illusionistische gebrochen. Ein spannendes Konzept, das nicht nur mit den See-, sondern auch mit den Sehgewohnheiten der Rezipienten jongliert.
Und weil es sich nicht um reines Nacherzählen des Hollywood-Streifens handelt, nennt sich die Performance mit einem ironischen Vermerk auf die Wirtschafts-Thematik Fluch der Karibik (Ltd.). Apropos Finanzen: Bei dieser Low-Budget-Produktion liegt der Löwenanteil des monetären Einsatzes als Requisiten-Kleingeld in der Pappmachee-Piratenhöhle. Wenn das nicht echte Seeräuber-Philosophie ist ...
Janna Kagerer


Toll ironischer Karibik-Fluch      Leipziger Volkszeitung   2. Mai 2009

Das Lofft gleicht einem Kinderzimmer. Puppenhäuser, Schiffsmodelle, Spielfiguren sind jedoch in genau festgelegter Ordnung arrangiert: Es ist die Premiere von Fluch der Karibik (Ltd.), einer ungewöhnlichen wie faszinierenden Theaterproduktion. Schauspieler Torben Kessler erzählt den Plot des Hollywood-Films sehr eigenwillig, während Textautor, Dramaturg, Regisseur und Bühnenbildner Klaus Gehre die Wanderung zwischen den Podesten per Kamera live auf eine Leinwand und zwei Monitore überträgt. Das tut auch not, denn die Requisiten sind teilweise so klein, dass sie vom Zuschauerraum mit dem bloßen Auge kaum zu erkennen sind.
Darüber hinaus verleiht es den Miniatur-Szenen die Illusion von Realität, dass sie vergrößert und nur als Ausschnitt gezeigt werden − ironische Brechung inklusive. Nicht nur, weil Darsteller, Modelle und Kameramann immer zu sehen sind, sondern auch im Spiel selbst. So lässt Kessler eine Möwen-Marionette fliegen, bis ihm ein Gedanke kommt und er schnell vors Publikum tritt. Der vorher so echt wirkende Vogel auf dem Monitor bleibt unterdessen in der Luft stehen.
Die Inszenierung ist gespickt mit witzigen Gags und Effekten. Fingerpuppenfüße ahmen Jackos Moonwalk nach, Plastik-Skelette tanzen, ein Grillrost mutiert zur Gefängniszelle, eine Gießkanne erzeugt eine stürmische Brise. Dazu spielt Michael Lohmann tolle Eigenkompositionen und Geräusche ein. Herrlich komisch, wenn ein Piraten-Püppchen am Drink nippt und ein sattes Schlürfen ertönt.
Herausragend verkörpert Kessler die Personage in Andeutungen. Perücke und Schmachten reicht für Elisabeth. Will Turner mit Kinnbart und Bass wird von Jack Sparrow abgegrenzt, der sprachlich effeminiert und nur als Hand mit abgespreizten Fingern auftaucht. Nur philosophische Exkurse in die Weltwirtschaft sind zwar interessant, überfordern aber.
Eine einzigartige Off-Theater-Produktion mit dem bewusst gesetzten Charme des Unfertigen. Am Ende dürfen die Zuschauer das Kinderzimmer betreten und die Spielsachen aus der Nähe bestaunen.
Janna Kagerer


In Kellern und Bunkern / Die Plattform Junges Theater in Hamburg      nachtkritik*   15. Julil 2009

Im Hamburger Schanzenviertel braut sich was zusammen. Schlagzeilen über neue Chaoten-Demos wird es aber nicht geben. Junge Theater-Anarchos bringen ganz entspannt mit einem neuen Sponti-Festival friedliche Demonstrationen ihres Könnens ins alternative Kulturhaus III&70 am Schulterblatt, in umliegende Clubs und Szenetreffs, aber auch ins etablierte Schauspielhaus.
Die Nachwuchsfestivals „Finale“ „Kaltstart“ und „Fringe“ machen erstmals unter dem Slogan „Hier braut sich was zusammen!“ gemeinsame Sache, haben sich zur „Plattform Junges Theater“ vereinigt und präsentieren in neun Tagen in 94 Veranstaltungen das Spektrum von Stadttheater-Inszenierungen und freien Projekten über Schultheater, Performances und Physical Theatre bis zu Konzert und Party.
... Zur selben Zeit beschwor Torben Kessler bei „Kaltstart“ in luftiger Höhe des „Terrace Hill“ im Bunker Feldstraße den „Fluch der Karibik“ in einer multimedialen Puppenspiel-Performance (Regie: Klaus Gehre), zog ironisch und witzig Parallelen zwischen Bankhaien und Piraten. ...
Klaus Witzeling


Meuterei in der Bad Bank       nachtkritik*   30. April 2009

Es ist die Zeit der Piraten − auf See und in den Geldinstituten. Es ist die Zeit, in der sich auf „bad boys“ gerne mal „bad banks“ reimen lässt. So dachten es sich offenbar Klaus Gehre und der Schauspieler Torben Kessler, als sie eine „Live-Film-Performance zur aktuellen Finanzkrise“ ersannen. Die soll den Kino-Schinken Fluch der Karibik mit dem Treiben der „Peanuts“-Bankiers und anderer Reiter über den pekuniären Bodensee unter einen Theaterhut zwingen. Der Ort dafür ist das Leipziger Lofft, die Bühne der Freien Szene, die sich das Haus am Lindenauer Markt mit dem Theater der jungen Welt teilt.
Haupt- und Alleindarsteller Torben Kessler hat bis zum Ende der letzten Saison etliche Straßen weiter, im Schauspielhaus, während der Intendanz von Wolfgang Engel vorzugsweise die jungen Helden gespielt. Jetzt muss er sich, in der Koproduktion von Klaus Gehre und Lofft, in gleich 14 Rollen strecken, vom Piraten bis zum Papagei.
Dafür ist im Theaterraum ein offenes Rechteck aus Tischen zusammengeschoben, auf, unter und neben dem sich Projektoren befinden, dazu ein Puppenstubenwohnzimmer, Segelschiffmodelle, ein Nussknackersoldat, ein Totenkopf mit Mütze, eine Modellbaustraße (ein Bühnenbildner wird nicht genannt). Dass sich dort auch Banken- und Immobilienreklame reihen und ein Mini-Sportwagen parkt, wird die Kamera von Klaus Gehre immer mal wieder einfangen, schließlich will man ja politisch-kritisch sein.
Das haben sich die beiden Performance-Macher auf die Fahnen geschrieben, leider wird keine Piratenflagge daraus. Die weht lediglich am kleinen Segelschiff, das eine der Hauptrollen spielt, denn vordergründig erzählt Torben Kessler den Kinohit Fluch der Karibik auf der Bühne nach, die Geschichte von Käpt’n Jack Sparrow und Kommodore Norrington, von Will und Elizabeth, von verfluchten Goldmedaillons und kämpfenden Piraten.
Die kommen hier klitzeklein daher: Torben Kessler steckt sie sich als gestrickte Püppchen auf die Fingerspitzen, wie sie staksen und streiten, überträgt die Kamera auf Leinwand und Monitore. Hat er eine blonde Perücke auf dem Kopf, ist er die schmachtende Elizabeth, hält er den Kopfschmuck in der Hand, ist er Will, der Elizabeth anschmachtet. Den Nussknacker-Kommodore lässt er röhren, als spräche Otto Waalkes in seinen besten Zeiten einen Piraten.
So wird Szenchen für Szenchen der Karibik-Fluch nachgestellt, man sieht es auf der Leinwand und zugleich, wie es − mit Gießkanne, Nebelmaschinchen, ein Grillrost als Gefängnisgitter − her- und dargestellt wird. Das hat den Charme einer Dampflokfahrt auf der Modelleisenbahn, die von Hand betrieben wird, und ist als Gag ziemlich schnell verbraucht.
Solist Torben Kessler ist, in allen 14 Rollen, auch der Erzähler, der die Piratengeschichte im Märchenonkel-Ton darbietet und mit der aktuellen Finanzkrise zu verbinden versucht. Da ist mal von der „Win-win-Situation“ der Piraten die Rede, wird über Sprichwörter philosophiert, bei denen stets auch das Gegenteil richtig ist. Vom mit Götterfluch verseuchten Goldschatz der Piraten lässt sich auf Kontoauszüge kommen, die bei den Fonds plötzlich rote Zahlen zeigen.
Immer wieder wendet Kessler sich kumpelhaft ans Publikum „Habt ihr nicht auch das Gefühl ...&ldquo, um es in seinen Monolog über Meuterer und Moneten einzubeziehen. Auch Oskar Lafontaine und der Sozialismus kriegen kurz ihr Fett weg, Klimakatastrophe, Billiglöhne und Terrorismus passen auch noch rein, ehe Kessler dann wieder die Kurve von Anlageprojekten und Renditen zum Gefecht der Piraten kriegen muss. Schlag auf Schlag aber kommt diese Performance leider nicht daher, der Text ist nicht geschliffen, sondern wie am Küchentisch erzählt und mit viel Küchenpsychologie gewürzt. So kommt der Fluch der Karibik mit ziemlich schlaffen Segeln daher, die Lacher des Publikums halten sich in Grenzen und 90 Minuten können ziemlich lang sein.
Ute Grundmann


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