Kritik alter ford escort dunkelblau

Kritik: alter ford escort dunkelblau

Immer fehlt ein Legostein      Leipziger Volkszeitung   1. November 2007

Der Ausbruchsversuch aus ihrer kleinen Welt endet kläglich. Und Boxer bleibt nur die bittere Erkenntnis: „Alles was ihr anfasst, wird Scheiße.“ Das gilt auch für ihn und so zieht er die Konsequenzen. Tod auf einer deutschen Autobahn, statt Freiheit auf der Route 66 für den einen. Weiterhin Kisten stapeln im Getränkehandel statt anspruchsvoller Arbeit für die anderen. Zurück bleibt dieses deprimierende Gefühl der Hilflosigkeit, wenn sich die Welt als eine Straße ohne Abzweige entpuppt. „Wann hast du das letzte Mal gemacht, was du wolltest?“, hatte Boxer noch gefragt.
Träume, obgleich ganz klein, immer noch viel zu groß. Darum geht es in Dirk Lauckes alter ford escort dunkelblau. Laucke, der Jungdramatiker, 1982 geboren und in Halle aufgewachsen, erhielt im vergangenen Jahr den Kleist-Förderpreis für sein dem Leben abgeschautes Drama im sachsen-anhaltinischen Mansfelder Land. Die Dialoge sind im Slang verfasst, grob und spröde. „Aus’m Bauch geht’s los“, hat der Autor seinen Arbeitsstil einmal beschrieben − und so fängt er Szenerien ein, die in hohem Maße authentisch wirken. Schorse, der von seiner Frau Karin getrennt lebt und den gemeinsamen Sohn nur selten sieht, arbeitet mit Boxer als Leiharbeiter in einem Getränkehandel. Zusammen mit Paul, Sohn des Chefs, aber nicht minder zu primitiven Tätigkeiten verdammt als die Kollegen, stapeln sie Kisten, warten auf die nächste Pause und machen sich mit rüden Witzen gegenseitig fertig. Bis sie Schorses Sohn auf dem Schulweg aufgabeln, um dem Jungen, dem Legoliebhaber, Legoland zu zeigen. Natürlich kommen sie dort nie an.
Lego, diese Welt aus Plaste, die man sich so bauen kann, wie sie einem gefällt. So ist das Bühnenbild aus meterhoch gestapelten Bierkisten bei der szenischen Lesung des Schauspiels Leipzig in der Kuppelhalle der LVZ mehr als nur der Rahmen für den Getränkehandel. Die Szenenbilder, ob im Auto oder Karins Wohnung, werden flink daraus gebaut. Kästen wie in einer Lego-Kiste. Aber wie das bei diesem Spielzeug so ist − immer fehlt das entscheidende Teil, um das Geplante zu Ende zu bauen.
Klaus Gehre hat das Stück mit viel Tempo inszeniert. Nicht Phlegma zeichnet seine Perspektivlosen aus, sondern Energie. Aber es fehlt ihnen die Strategie, sie konstruktiv einzusetzen. Das verkörpern Gilbert Mieroph als großes Kind Schorse, Andreas Keller als Boxer und Till Wonka als der junge Paul alle eindrucksvoll. Carolin Conrad als Karin setzt das Gegengewicht unter den Hitzköpfen.
„Sie ist die einzige, die die Kraft hat, zu strukturieren“, sagt der Arbeitspsychologe Peter Richter von der TU Dresden in der abschließenden Diskussion. Auch darin bilde das Stück die Realität ab. „Meist sind es die jungen Frauen, die Konsequenzen ziehen und weggehen.“ Zurück bleiben Männer mit oft aggressivem Habitus. Und nicht unschuldig sind die Strukturen, so wie sie Laucke beschreibt. Die Leiharbeit − „es ist unglaublich, welches Potenzial an Zerstörungskraft darin steckt“, sagt Richter und meint damit Dumpinglöhne, kurze, unsichere Beschäftigungen, keine Weiterbildung und oft permanente Unterforderung. Lauckes Drama wird damit zur gesellschaftspolitischen Kritik. Der künstlerischen Kritik schließt sich der Wissenschaftler an, besonders vor dem Hintergrund internationaler Vergleiche, etwa mit Skandinavien. „Für Humanfragen sind wir in Deutschland nicht aufgeschlossen.“
Dimo Rieß

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